Frankreich

Für die Lobby der Atomenergie ist Frankreich immer noch ein Nuklear-Traumland – "nicht weil die Franzosen träumen", wie ein Sprecher der Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerke in Essen kürzlich meinte, "sondern weil sie handeln".

Doch nun müssen die Franzosen erstmals anders handeln, als es in das beim deutschen Nachbarn gängige Bild vom Nuklear-Traumland paßt. Eine Kürzung ihres Programms zum Ausbau der Nuklearenergie in den nächsten Jahren erscheint unvermeidbar. Statt, wie bisher geplant, drei neue Kraftwerkseinheiten pro Jahr in Angriff zu nehmen, hält Marcel Boiteux, Chef des staatlichen Elektrizitätskonzerns Electricite de France (EdF), allenfalls noch zweieinhalb Einheiten pro Janr bis Ende des Jahrzehnts für vertretbar.

Als Grund für die Kürzung des Nuklearprogramms nennt Boiteux den langsameren Zuwachs des Elektrizitätsverbrauchs. Tatsächlich ging die frühere französische Regierung von Premierminister Raymond Barre noch Anfang 1981 davon aus, daß der Stromkonsum 1990 bei 460 Milliarden Kilowattstunden liegen werde. 1982 betrug er 266 Milliarden Kilowattstunden.

Dieses Eck-Datum, das von der Linksregierung nur wenig verändert übernommen worden war, muß nun revidiert werden. Im Zuge der Vorbereitung des IX. Planes für die französische Wirtschaft, der den Zeitraum von 1984 bis 1988 abdeckt, rechnet das Plankommissariat jetzt für das Ende des Jahrzehnts im günstigsten Fall nur noch mit einem Verbrauch von 400, im schlechtesten Fall mit 330 Milliarden Kilowattstunden. Nachdem schon 1981 das Nuklearprogramm der Regierung Barre von neun auf sechs Kraftwerkseinheiten in den Jahren 1982 und 1983 gestreckt wurde, will die EdF nun ihre nuklearen Ambitionen noch weiter zurückschrauben.

Doch nicht nur die nun neu geschätzten Verbrauchszahlen zwingen zum Bremsen, sondern auch die angespannte Finanzlage des staatlichen Elektrizitätsversorgers EdF. Nach einem Verlust von 4,5 Milliarden Franc im Jahre 1981 machte der Staatskonzern im vergangenen Jahr gar ein Defizit von 7,9 Milliarden Franc. Die Verbindlichkeiten der EdF addierten sich auf 152 Milliarden Franc, davon knapp die Hälfte gegenüber ausländischen Gläubigern.

In diese prekäre Lage, von der Pariser Tageszeitung le quotidien mitleidlos als "polnische Zustände" qualifiziert, geriet die EdF zum einen durch ihre vom Alleinaktionär .Staat, diktierte Politik der niedrigen Stromtarife, zum anderen aber auch durch die überhöhten Kosten des Nuklearprogramms. Von allen westeuropäischen Ländern hat Frankreich die niedrigsten Stromtarife. EdF-Chef Boiteux: "Wenn wir von unseren Kunden nur den Durchschnitt der in anderen Ländern üblichen Preise verlangen könnten, würde die EdF einen Gewinn von 16 Milliarden Franc machen."