Geist ... hat kein Geschlecht." Man möchte meinen: eine Binsenwahrheit. Der Satz stammt von Renate Feyl, Autorin eines Buches über Frauen in der Wissenschaft. Bis in die Höhen deutscher Professorenherrlichkeit hat sich diese Erkenntnis offentsichlich noch nicht herumgesprochen.

Die höchste Stufe einer wissenschaftlichen Laufbahn ist die eines "C 4 Professors", das war früher der Ordinarius. Das Geschlecht unserer Geistes-Elite ist eindeutig festgelegt: 1980 "fielen" 9192 Ordinarii auf 239 Ordinariae, was einem Frauen-Anteil von 2,5 Prozent entspricht. Dieser Anteil schnellt in die schwindelnde Höhe von 5 Prozent, wenn die Gesamtzahl aller Professoren zugrunde gelegt wird. Also arbeitet die Professorin in einem "typischen Männerberuf", genau wie eine Kfz-Mechanikerin, eine Elektroinstallateurin oder eine Maschinenschlosserin.

Woran liegt’s? Zunächst am mangelnden Angebot. Zu der Zeit, als heutige Professoren als Studenten den Grundstein zur Karriere legten, betrug der Anteil der Studentinnen gerade 27 Prozent (1960). Inzwischen ist er auf 37 Prozent gestiegen (1981). Nur kommt dieser Aufschwung für die potentiellen Wissenschaftlerinnen leider zu spät: die Altersstruktur der Professoren liegt heute so, daß sich ohnehin nur einer von zehn Nachwuchswissenschaftlern Hoffnung auf eine Berufung machen kann. Bei der Einstellung werden nun aber Frauen nicht gerade bevorzugt – was auch nur bei gleicher Eignung ein denkbarer Weg wäre –, sie müssen sich im Gegenteil den Weg an die Spitze härter erkämpfen als ihre männlichen Kollegen. Um mit Ablehnung und Vorurteilen fertig zu werden, bedarf es schon einer Riesenportion Härte und Abgebrühtheit. Schon die "normalen" Barrieren auf dem Weg nach oben lassen manche Männer das Handtuch werfen. Dem besonderen Nervenkrieg, dem eine Frau ausgesetzt sein kann, ist nicht jede gewachsen: 1980 entzog sich eine Hamburger Historikerin diesen Belastungen durch Selbstmord.

Daß eine Gesellschaft, die sich etwas auf ihre Kultur einbildet, heute noch glaubt, es sich leisten zu können, auf das geistige Potential der Hälfte ihrer Bevölkerung zu verzichten, ist schwer verständlich. Schließlich haben Frauen in früheren Jahrhunderten schon hervorragende wissenschaftliche Arbeit geleistet. Von diesen Frauen berichtet das Buch Renate Feyls: "Der lautlose Aufbruch – Frauen in der Wissenschaft" (Sammlung Luchterhand, Darmstadt und Neuwied 1983, 187 S., 12,80 DM). In einer Einführung und elf Porträts – angefangen mit der Biologin Maria Sibylla Merian (1647-1717) bis zu der Mathematikerin Emmy Nöther (1882-1935) – schildert sie, mit welchen Problemen Wissenschaftlerinnen vom 17. bis zum 20. Jahrhundert zu kämpfen hatten. Die Biographien dieser Frauen, die unter den unglaublichsten Umständen ihren Weg gegangen sind, lesen sich wie ein spannender Roman mit ernstem Hintergrund.

Da ist Dorothea Christiana Erxleben (1715-1762), die erste Frau, die an einer deutschen Universität zum Dr. med. promovierte. Neben ihren Patienten versorgte sie den eigenen Elf-Personen-Haushalt. Zur Promotion an der Universität Halle wurde sie erst nach einer Intervention Friedrichs II. von Preußen zugelassen. So nebenbei erfährt man auch manches über die Probleme von heute anerkannten wissenschaftlichen Fachrichtungen. Noch zu Ende des 19. Jahrhunderts bemühten sich die Zahnärzte um ihre Anerkennung als Mediziner. Eine Zulassung von Frauen zum Studium wird in dieser Situation vom Vereinsbund Deutscher Zahnärzte mit der Begründung abgelehnt, daß dadurch "die in vollem Gange befindlichen Reformbestrebungen im zahnärztlichen Stande empfindlich gestört werden könnten". Henriette Hirschfeld-Tiburtius (1834-1911) eröffnete 1869 als erste Frau in Deutschland ein "Zahnatelier" in Berlin, nach einem Studium in Amerika – auch dort war sie erst zugelassen worden, nachdem einer der Professoren mit Rücktritt gedroht hatte. In ihrer Praxis durfte sie dann "nur" Frauen und Kinder behandeln, "damit die Grenzen der Schamhaftigkeit und Sitte gewahrt bleiben".

Die Leistungen aller dieser Frauen – auch Ricarda Huch und Lise Meitner werden porträtiert – sind außergewöhnlich, keine konnte den geraden Weg gehen, der einen Mann, wenn er Geist und Glück hatte, direkt zu höheren wissenschaftlichen Weihen geführt hätte. Dorothea Christiana Erxleben trat den "Ursachen, die das weibliche Geschlecht vom Studieren abhalten" 1742 mit der Begründung entgegen, daß "alles Gute einmal neu und ungewohnt war". 178 Jahre später, nämlich 1920, erhielten Frauen in Preußen das Recht zur Habilitation. Wenn in 63 Jahren der Anteil der Professorinnen ganze 5 Prozent erreicht hat, und wenn die Entwicklung in diesem Tempo weitergeht, wird es wohl länger als 178 Jahre dauern, bis Neues und Ungewohntes die Realität unserer Universitäten erreicht haben wird.

Angelika Dombrowski