Er ist Beamter, um die 40 und sehr unauffällig. Sein Tonfall klingt zu gereinigt: Er möchte wohl gemocht werden.

Trotz alledem oder am Ende deshalb: Der Mann ist schon ziemlich werden. geworden. Er erzählt gerade von Ladendiebstählen. Vom Griff in die Kaffeekasse seiner Kollegen. Schuldbewußt erzählt er gleich die moralische Sonderklasse: "Das ist Kameradendiebstahl."

Nun ist seine Stellung in Gefahr, ein Disziplinarverfahren steht noch aus. Er hat versucht, sich umzubringen, war daraufhin in einer Klinik.

Er ist stehlsüchtig, und die anderen Leute im Kreis sind es auch. Eine Selbsthilfegruppe. Sechs bis acht Kleptomanen treffen sich seit Dezember alle zwei Wochen hier in Bremen-Sebaldsbrück Ort: die Ambulanz der Psychiatrischen Klinik III, genannt Suchtklinik. Sie kommen freiwillig und als Privatleute. Die meisten haben sich nach einem Hinweis in der Zeitung gemeldet.

Drei Männer, drei Frauen sind heute da, zwischen 30 und 60. Ein Arzt sitzt dabei, hört zu, fragt zuweilen sachte nach. "Festhalten!" rief die Verkäuferin. Der Beamte rannte davon, durch die Straßen. Irgendwann machte er kehrt und lief seinen Verfolgern direkt in die Arme, "als ob ich meine Festnahme gewollt hätte". Bei der anschließenden Hausdurchsuchung wurde alles, was neu aussah, zum potentiellen Beweisstück, erzählt er. "Sogar ein paar Socken nahmen sie mit."

Die Mittvierzigerin im roten Pulli kennt das nur zu gut: Festnahme, Haussuchung, Zeitungsbericht, Gerichtsverhandlung, wieder Zeitung, Strafe, Eintragung ins Strafregister. "Du wirst siebenmal hingerichtet bei uns in Deutschland, für eine Tat!" Aus ihrem Zorn spricht Verbitterung.

Die 60jährige Hausfrau hat erst vor wenigen Jahren mit dem Stehlen angefangen. "Mein Enkelkind wurde sehr krank. Und mein Mann wurde pensioniert. Ich hatte viel Zeit und ging jeden Tag in die Stadt."