Von Jörg Drews

Peter Sloterdijks Buch war seit über einem Jahr angekündigt: "Kritik der zynischen Vernunft". Das klang aufregend. Man konnte gespannt warten, ob da einer die gegenwärtige Geistesverfassung auf den Begriff bringen würde. Was uns die Wartezeit verkürzte, war zum Teil genau das, was das Erscheinen des Buchs immer wieder hinausschob: Der Autor bekam für sein Thema immer neues, ausgezeichnetes, aktuelles Material geliefert.

Da stellte sich zum Beispiel heraus, daß Politiker aller Parteien – nein, nicht Flecken auf der Weste hatten, sondern sich von oben bis unten besudelt hatten bei der Beschaffung von Partei-"Spenden". Und was passierte? Oh, nichts weiter; einige dieser Politiker sitzen weiter in der Regierung oder stehen großen Banken vor. Da tönte die Regierung plötzlich, daß etwas zur Rettung des Wald es getan werden müsse, man werde ... TA Luft ... Sofortprogramm... Nach dem Wahlkampf war davon kaum noch die Rede, war das Thema nur in den Vordergrund gezogen worden, um den Grünen ein paar Stimmen abzujagen? Wir dürfen weiterhin damit rechnen, in zwanzig Jahren in Wäldern spazierenzugehen, die wie riesige Lager von stark angefressenen Reisigbesen aussehen. War was? Aber nein! Weitermachen.

Zum Beispiel mit "Abrüstungs"-Verhandlungen, die wahrscheinlich genauso lange laufen, wie die Aufstellung der neuesten Raketen-Generation dauert. War noch was? Ja, die Absetzung von Dieter Hildebrandts "Scheibenwischer" vor der Wahl. Hinterher durfte er weiter seine Witze machen, böse, oh ja, sehr böse satirische Bemerkungen über genau jene Politiker, die ihm vorher das Maul verboten hatten. Hildebrandt als Macher und wir als Zuschauer wissen, daß er nur ein staatlicherseits als harmlos anerkannter und daher gesendeter Possenmacher ist: seine Situation und unsere sind objektiv zynisch, und der Zynismus, mit dem wir uns dazu verhalten, ist – wie Peter Sloterdijk sagen würde, "reflexiv abgefedert". Das heißt: Wir wissen genau, was wirklich los ist, machen aber weiter, weil Nichtweitermachen die Offenbarung unserer Verzweiflung wäre, überdies ja vielleicht wirklich nicht gut wäre, weil noch nicht alles verloren ist.

Nun muß man gleich dazusagen, daß Sloterdijks "Summa" unserer Tage sich nicht nur mit aktuellen Phänomenen befaßt und daß er vor allem nicht einfach eine Kritik des Zynismus liefert – sondern eine der "zynischen Vernunft": jener Art von Rationalität, die weiß, daß sie moralisch verspielt hat und die ahnt, daß sie auch historisch demnächst verspielt haben wird (oder, vielleicht noch vorher, uns alle verspielt).

Was Sloterdijk aufs Korn nimmt, ist die Verlängerung dessen, was Horkheimer die "instrumenteile Vernunft" nannte, in der sich die Mittel über die Zwecke hinwegsetzen, die Rationalität ins Zerstörerische umkippt, wo die "Vernunft" weiß, daß sie die katastrophale Unwahrheit sagt – und dennoch weitermacht, weil sie sich nicht revidieren, nicht entmachten lassen will. Siehe die ganz aktuellen und noch vergleichsweise harmlosen Beispiele oben: es geht weiter, nach denselben Maximen und mit denselben Leuten, die sich blamiert haben. Alle wissen es. Aber keiner hat die Macht, etwas zu ändern oder den Mut, sich selbst umzubringen.

Beschreibt man so die Atmosphäre, in die Sloterdijks 950seitige ebenso fachwissenschaftliche wie freakige, gnadenlos genaue wie sanft optimistische Analyse trifft, so klingt das viel zu wissenschaftlich, viel zu apokalyptisch. Denn die Stimmung – und nicht nur die neueste – im Westen, auf die er sich bezieht, heißt: Es herrscht eine unglaubliche Demoralisierung und Desorientierung. Wir haben keine Ahnung, aus welchen Vital-Antrieben wir noch weitermachen, haben keinen Horizont zum Hineinwachsen, planen nur noch mittelfristig, zitieren Luthers Satz vom Apfelbäumchen und leben auf Abbruch – nicht alle, aber ganz schön viele, wenn ich das, richtig, sehe: Man höre sich nur mal die Cafeteria- und Kneipengespräche von Studenten an.