Von Dietrich Strothmann

Hautnah wurde Amerikas 60. Außenminister, dem seit Juni 1982 amtierenden George Shultz, seine erste Nahost-Lektion zuteil: Nach anstrengenden, stundenlangen Verhandlungen mit dem libanesischen Staatspräsidenten Amin Gemayel, genoß er seinen wohlverdienten Schlaf in der Beiruter Residenz des US-Botschafters. Plötzlich riß ihn ein ohrenbetäubender Knall aus dem Bett. Nur wenige Meter von der schwer bewachten Villa entfernt waren zwei Katuscha-Raketen niedergegangen. Um ein Haar hätten sie das Gebäude getroffen – wer weiß, mit welchen schlimmen Folgen für die Regierung in Washington, für den Präsidenten und sein Ziel, dem Frieden im Nahen Osten endlich ein weiteres Stück näher zu kommen. Ein verletzter, ein toter Außenminister – unvorstellbar, welche Konsequenzen das gehabt hätte. So ist der bald 62jährige George Shultz noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen.

Er hat sich, mit seiner ersten Nahost-Mission als amerikanischer Chefdiplomat, ohnehin in ein höchst waghalsiges politisches Abenteuer eingelassen. Bis nächsten Montag – an dem er in Paris an einer OECD-Konferenz teilnehmen will – soll eine Einigung zwischen Beirut und Jerusalem nicht nur über die Bedingungen des israelischen Truppenrückzuges, sondern auch über die Normalisierung im Verhältnis der beiden Nachbarstaaten und über Israels Sicherheitsansprüche im Südlibanon unter Dach und Fach sein. Das heißt: Nach nur zwei Wochen pausenloser Pendeltour will der energische, auf Erfolg angewiesene Außenminister erreichen, wozu einer seiner Amtsvorgänger, Henry Kissinger, in einer vergleichsweise einfacheren Situation viele Monate gebraucht hatte.

Um damals im Sinai die zwei Truppenentflechtungs-Abkommen zwischen Ägypten und Israel unterschriftsreif machen zu können, hatte der Erfinder der Weberschiffchen-Diplomatie immerhin von November 1973 bis zum September 1975 zäh verhandeln müssen und war obendrein mit Vietnam und Watergate vollauf beschäftigt gewesen. George Shultz hingegen, den Kissinger zu seiner Ernennung mit den Worten gepriesen hatte, ihm würde er in Krisenzeiten das Schicksal der Vereinigten Staaten anvertrauen, will geradezu im Handumdrehen ein weitaus komplizierteres Problem aus der Welt schaffen:

Kissinger hatte es nur mit zwei Partnern zu tun – Shultz muß sich eine libanesisch-israelische Übereinkunft, ehe sie in Kraft treten kann, von einem höchst unkalkulierbaren Dritten absegnen lassen, von Syrien. Und hinter Damaskus lauert die Sowjetunion als mächtiger Störenfried.