Nur ungern erinnern wir uns an unseren ehemaligen Freund Gerd Gruger. Denken wir an Gerd Gruger, so denken wir unweigerlich sofort auch an dessen Ungeschlachtheit, an den Lärm, den er überall verbreitete. All die Peinlichkeiten fallen uns wieder ein, mit denen er uns so manchen Abend vermiest hatte. Immerzu hatte er in unserer Runde das Familiäre gesucht, wir aber haben ihm nie das Familiäre gegeben.

Auch den Hinauswurf aus der Runde hat Gerd Gruger nur sehr schlecht verkraftet. Immer wieder schrieb er uns von seinen zahlreichen und ihm so widerwärtigen Dienstreisen durch die Bundesrepublik, und immer wieder schrieb er uns auch von seinem Haß auf die Bundesrepublik. Waren ihm schon die Dienstreisen auf das äußerste verhaßt, so war ihm doch die Bundesrepublik noch grenzenloser verhaßt, und also gab es für unseren ehemaligen Freund Gerd Gruger nichts abgrundhassenswerteres als eine Dienstreise durch die Bundesrepublik.

Wir haben in dem Haß Gerd Grugers jedoch schon immer seine Angst vor der Bundesrepublik erkannt, der Haß Gera Grugers auf die Bundesrepublik, haben wir immer gesagt, ist nichts anderes als seine Angst vor der Bundesrepublik, wie auch sein Haß auf die Dienstreisen nichts anderes ist als seine Angst vor den Dienstreisen. Und so wunderte es niemanden, als uns der letzte Brief Gerd Grugers ausgerechnet aus Australien erreichte.

Darin schrieb der ehemalige Freund, er sei vor einem halben Jahr zusammen mit einem befreundeten Zahnarztehepaar nach Australien ausgewandert, nachdem es ihm in der Bundesrepublik und überhaupt in Westeuropa zu heiß geworden sei. Wie wir ja selber wüßten, bliebe lediglich Australien von dem bevorstehenden Atomkrieg verschont. Mitunter sei es auch schon recht langweilig in Australien, dafür habe er aber die Garantie, daß er sein Leben bis hin zu seinem natürlichen Tode zu Ende leben könne. Mit dem Zahnarztehepaar habe er eine gute Wahl getroffen, denn beide seien recht anspruchslos. Vier Meilen weiter wohne eine deutsche Wohngemeinschaft, mit der sie jedoch ständig im Streit lagen. Diese Wohngemeinschaft, welche ausschließlich aus Rechtsanwalten bestünde, zeige sich mehr und mehr enttäuscht wegen der sogenannten europäischen Friedensbewegung, wie sich überhaupt unter den deutschen Auswanderern immer stärker eine Verbitterung über die immer größer werdende Verzögerung des Kriegsausbruchs breitmache. Schuld daran seien, so Gerd Gruger, allein die immer wieder in letzter Zeit einsetzenden Abrüstungsverhandlungen einerseits, Nachrüstungs- oder gar Doppelbeschlüsse andererseits, welche, wie wir als alte Historiker ja alle wüßten, den Krieg ja doch nicht endgültig verhindern würden. Im Gegensatz zu seinen deutschen Nachbarn in Zentralaustralien sei er selbst jedoch guter Dinge und sich des baldigen Kriegsausbruchs zu hundert Prozent gewiß, darauf konnten wir alle Gift nehmen. Deshalb sind wir schließlich nicht ausgewandert, schreibt Gerd Gruger aus Australien, damit ihr da oben in Europa einfach nicht zur Sache kommt.

Es folgte ein kurzer und unleserlicher Gruß des befreundeten Zahnarztehepaares, und damit war der Brief unseres ehemaligen Freundes beendet. Wir haben den Brief bis spät in die Nacht immer wieder laut gelesen und somit, ganz im Gegensatz zu früher, durch Gerd Gruger einen der amüsantesten Abende des ganzen Quartals verlebt.

Thomas Meinecke