Carl H. Hahn muß sich beim Volkswagenwerk erst jetzt bewähren

Der VW-Konzern steckt in den roten Zahlen; die Aktionäre müssen für 1982 auf eine Dividende verzichten; der erste Platz unter den deutschen Autokonzernen, gemessen am Umsatz, muß für Daimler-Benz geräumt werden – fürwahr, die Lage in Wolfsburg ist, ein gutes Jahr nach dem Amtsantritt von Carl H. Hahn, schlechter geworden.

Dem neuen Chef von VW aber muß man darum nicht gram sein – im Gegenteil. Denn er konnte seit Januar 1982 nur verwalten. Der Keim für die Verluste wurde schon vor seiner Zeit gelegt. Die VW-Produktion in den USA hat er ebensowenig zu verantworten, wie den Kauf des Büromaschinenkonzerns Triumph-Adler.

Hahns Lage ähnelt der seines Vorgängers Toni Schmücker, der Mitte der siebziger Jahre zu VW kam und an der Spitze des Konzerns stand, als dieser in eine existenzgefährdende Krise, rutschte. Mit Schmücker erholte sich der Autoriese wieder, und schon bald wurde der neue Mann als Retter gefeiert.

Gelassen konnte deshalb auch Hahn in der vorigen Woche eine Verlustrechnung vorlegen; gelassen konnte er für das laufende Geschäftsjahr auf Belastungen verweisen, die auch für 1983 eine Dividende Unwahrscheinlich machen. Die Vergangenheit, die sich in diesen Ergebnissen und Aussichten niederschlägt, ist nicht die von Carl H. Hahn; als VW in diese Richtung gelenkt wurde, saß der neue Mann noch nicht auf dem Sessel des Vorstandsvorsitzenden, da war er noch Chef bei Conti-Gummi.

Zu Engagement läßt sich Hahn deshalb mir hinreißen, wenn es um die Zukunft geht, um die Zukunft, für die er jetzt die Weichen zu stellen hat. Da gilt es zunächst einmal, Unzulässige Vergleiche aus der Welt zu schaffen: Die "Krise", die der Spiegel bei VW ausmachte, sieht Hahn so nicht; "es gibt", so räumt er ein, "eine schlechte Gewinn- und Verlustrechnung", aber "keine schlechte Bilanz". Und die Erinnerung an die schweren Zeiten, als VW unter Schmücker ums Überleben kämpfte, versucht Hahn gleich wieder zu verscheuchen. Damals war alles ganz anders. Damals müßte VW die Monokultur des Käfer-Konzerns überwinden; heute hat die Autofirma ein breites Produktspektrum. Damals war VW finanziell ausgeblutet; heute ist die Bilanz gesund.

Hahns Kalkül ist dabei klar. Heute darf nicht schwarzgemalt werden, damit erst gar keine Zweifel an einer besseren Zukunft aufkommen. Die Voraussetzungen für eine baldige Genesung sind in Wolfsburg tatsächlich weitaus günstiger, als sie für Tom Schmücker aus seiner damaligen Sicht sein konnten. Denn 1974 fiel die VW-Krise mit einem schweren Schock für die Autokäufer zusammen, der ersten Ölkrise. Das Ergebnis war nicht nur Kaufzurückhaltung, sondern beinahe ein Käuferstreik.