Auch wenn der Krieg um die Falkland/Malvinas-Inseln manchem Politiker und Zeitungsleser in Amerika und Europa dies zeitweilig verdunkelt haben mag, auch wenn die jahrelangen Neu-Verhandlungen über Englands Rolle und Bedingungen in der Europäischen Gemeinschaft dies oft genug vergessen lassen, so ist es gleichwohl wahr: Der wichtigste Beitrag Englands zur Atlantischen Gemeinschaft bleibt seine politische Kontinuität, seine internationale Erfahrung, seine Einsicht in Gleichgewichtspolitik und deren Erfordernisse, sein common sense. Dies hat eben Peter Carrington erneut demonstriert. Der beste westliche Außenminister der späten siebziger und frühen achtziger Jahre hat die diesjährige Alister Buchau Memorial Lecture nicht nur zu einer profunden Kritik des politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kuddelmuddels der Allianz genutzt; er hat darüber hinaus – aufbauend auf dem bisher durchschlagenden Friedenserfolg und der unbezweifelbaren militärischen Stärke der Allianz – eine "positive politische Strategie für den Umgang mit der Sowjetunion" verlangt. Mit Recht.

Ein anderer Engländer – Liddel Hart – hatte schon eine volle Generation zuvor den Begriff der grand strategy popularisiert. Sie umfaßt politische Positionen und militärstrategische Pläne ebenso wie die Strategie zur Rüstungskontrolle und Abrüstung – und die internationale ökonomische Politik.

Es gab nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bisher drei Phasen westlicher Gesamtstrategie. Die erste Phase war im wesentlichen von den Vereinigten Staaten geprägt. Sie präsentierten den Baruch-Plan und Marshall-Plan: gemeinsamer friedlicher Wiederaufbau unter Verzicht auf nukleare Waffen. Die Sowjetunion lehnte den Baruch-Plan ab und beteiligte sich nicht am Marshall-Plan – sehr zu ihrem Nachteil. Stalin konsolidierte vielmehr die russische Herrschaft über die Staaten und Völker Osteuropas, er bedrohte Berlin und legte die Grundlagen für die russische Nuklear-, Raketen- und Satelliten-Rüstung.

Damit forderte Stalin die zweite Phase westlicher Gesamtstrategie heraus. Sie war gekennzeichnet durch John Foster Dulles’ weltumspannendes antisowjetisches Bündnissystem und durch die militärische Abschreckungsdoktrin der massiven nuklearen Vergeltung. Das Krisenmanagement Kennedys in der kubanischen Raketenkrise 1962 war zugleich der Höhepunkt und der Abschluß dieser Phase.

Die dritte Phase hatte sich tastend angebahnt. Im Jahre 1956 – dem Jahr des sowjetischen Einmarsches in Ungarn – hatten die "drei Weisen", Gaetano Martino, Lester Pearson, Halvard Lange, eine über das Militärische hinausgehende politische Konsolidierung des Nordatlantischen Bündnisses verlangt. Kennedy – ein halbes Jahrzehnt später – lag mit seinem Zwei-Pfeiler-Entwurf auf einer ähnlichen Linie, als er Europa ein den Vereinigten Staaten gleiches Gewicht in der Atlantischen Gemeinschaft geben wollte. Vor allem aber änderte sich die militärische Strategie vollständig. Die Einsicht in die voraussehbare nuklear-strategische Parität der Sowjetunion führte 1959 den General Maxwell Taylor, 1962 den Verteidigungsminister McNamara und schließlich formell 1967 auch das ganze Bündnis zur Aufgabe der Strategie massiver Vergeltung. Statt dessen wurde die Fähigkeit zu tatsächlicher Verteidigung hervorgehoben. Die Abschreckung wurde auf realistische und moralisch einwandfreie Grundlagen gestellt. Der Aufbau der Bundeswehr ermöglichte zusätzlich das Konzept der "abgestuften Erwiderung".

Diese dritte Phase war aber auch politisch die bisher fruchtbarste Epoche. An die Stelle von Bestrafung und Vergeltung traten im Denken der Staatsmänner die Kategorien des Gleichgewichts und der West und Ost gemeinsam obliegenden Verpflichtung, Stabilität zu wahren, um den Frieden zu erhalten. Diese Einsicht fand ihren formalen Niederschlag im Harmel-Bericht von 1967, dem die gesamte Allianz zustimmte. Er stellte ein Doppel-Konzept dar.

Erstens: ausreichende militärische Fähigkeit und politische Solidarität, um die Sowjetunion von Angriffen und Pressionen abzuschrecken und notfalls das Territorium des Bündnisses wirksam zu verteidigen. Zweitens: Suche nach Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und dadurch nach Entspannung.