So unvermutet kam die Absage des DDR-Staatsratsvorsitzenden, daß sich die Bonner Reaktion darauf auch in krassen Dissonanzen widerspiegelt, zumal bei der Union. Helmut Kohl findet zumindest die Begründung der Entscheidung Erich Honeckers "unverständlich" – nämlich den Hinweis auf die der Bundesrepublik zugeschriebene Lage, wie sie nach den letzten Zwischenfällen an der Demarkationslinie zwischen den beiden deutschen Staaten entstanden ist. Für Eduard Lintner hingegen, CSU-Abgeordneter und deutschlandpolitischer Sprecher der Unionsfraktion, ist der Besuchsverzicht nur die "logische Konsequenz" aus jenen Vorfällen.

Aber solche Unterschiede sind nur die jüngsten Belege für die Wende, besonders in der Ostpolitik, wie sie von München aus stiernackig erzwungen werden soll – auch wenn die Zusammenkünfte des bayerischen Herrn und Meisters mit den Bonner CSU-Ministern scheinheilig als harmlose und selbstverständliche Treffen ausgegeben werden. Wie denn das Verhältnis zur FDP sei, wurde Jürgen Warnke vor Fernsehkameras gefragt, als die CSU-Mitglieder des Bundeskabinetts am Montag vor der Münchner Staatskanzlei vorfuhren. "Das werden wir gleich erfahren", antwortete der Entwicklunghilfe-Minister ebenso unbeholfen wie entlarvend.

Doch die verbalen Kanonaden mit dem Grafen Lambsdorff bilden nur einenNebenkriegsschauplatz. Es sei doch auch der Bundeskanzler, der das Wort von der Notwendigkeit der Wende ständig wiederholt habe, hat Franz Josef Strauß vor einigen Tagen gesagt. Also sei es "unser gutes Recht zu fragen, wo soll eigentlich die Wende stattfinden, soll sie beschränkt werden auf ein paar Steuergesetze und Haushaltsbestimmungen?" Deutlicher kann man den Fehdehandschuh nicht hinwerfen.

Derweil bemühen sich die Besonnenen und die Fachleute, kühlen Kopf zu bewahren. Zu genau wissen sie aus der Geschichte der neuen Bonner Deutschlandpolitik mindestens seit 1969, daß sie stets Berg-und-Tal-Fahrt war, daß auf "Eiszeiten" und Stagnation immer wieder neue Annäherungen und Vereinbarungen folgten. An dem Gesetz, daß Honecker eine vorsichtig dosierte Entspannungspolitik zu einer ökonomischen Festigung der DDR durch Devisen und auch zu einer gewissen Eigenständigkeit nutzen möchte, hat sich wenig geändert.

Aber den Experten hier wie dort entgeht natürlich auch nicht, daß sich die Tonlage in Bonn trotz aller Versicherungen, es werde keine Zäsur geben, verschärft hat. Das gilt nicht nur für das Geschrei aus München, sondern vor allem auch für die oft mit einem geradezu buchhalterischen Tenor verwendete Formel von den strikt ausgewogenen "Leistungen und Gegenleistungen",

Auch fühlt die DDR sich kaum als Schuldner. Nur beiläufig wird hierzulande registriert, daß der Reise- und Besucnsverkehr, um den es der Bonner Deutschlandpolitik im Namen der vielbeschworenen menschlichen Erleichterungen doch im Kern geht, gerade in der letzten Zeit erheblich gestiegen ist. Gegenüber dem Vorjahr haben im ersten Quartal dieses Jahres die Rentnerreisen aus der DDR um 6,5 Prozent, die Zahl der Transitreisenden von und nach Berlin um 8,7, der sogenannte kleine Grenzverkehr um 16 und die Menge der Reisenden in und durch die DDR um fast 25 Prozent zugenommen. Und fast sensationell nimmt sich die Steigerung der Besuche von DDR-Bürgern bei dringenden Familienangelegenheiten in die Bundesrepublik aus – Reisemöglichkeiten, die Ost-Berlin nach dem Treffen zwischen Helmut Schmidt und Honecker erweitert hat, mit dem Vorbehalt, im einzelnen nach Belieben zu verfahren. Solche Besuche sind um nicht weniger als 131,2 Prozent gestiegen. Dennoch wächst, nicht unbedingt offiziell, aber doch unter der Oberfläche in Bonn die Neigung, mit Ost-Berlin, wenn überhaupt, dann wirklich "Zug um Zug" zu verhandeln. Schon deshalb, so sagen die kühlen Fachleute, mußte bei Honecker in gleichem Maße die Unsicherheit wachsen, was denn nun die Geschäftsgrundlagen der künftigen deutsch-deutschen Politik sein werden.

Hinzu kommt das alte und eiserne Gesetz, daß die innerdeutschen Beziehungen kaum besser sein können als die Großwetterlage im Ost-West-Verhältnis. Hat sich also der Kreml eingeschaltet bei dem Gedanken daran, daß der DDR-Staatsratsvorsitzende, etwa im September, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt in die Bundesrepublik fahren könnte, zu dem die Entscheidung über den Umfang der westlichen Nachrüstung vor der Tür stünde? Auch unter diesem Vorzeichen hätte der Besuch kaum irgendeinen Fortschritt versprechen können,