Jeder der Beteiligten spielt seine Rolle wunderbar. Simplicius ist der Kobold dieser philosophischen Komödie ..., Salviati ist unerschöpflich, ein wahrer Sokrates; Sagredo, ein unabhängiger Geist, der ohne falsche Schulerziehung alles mit großer Schärfe beurteilt. Kurz, alles hat mir gefallen". –

Sätze aus einer Premierenkritik? Mitnichten! Sie stammen aus einem Brief des Dominikaner-Philosophen Campanella an Galilei, geschrieben nach der Lektüre von dessen Dialogo zu Rom, am 5. August 1632.

Undenkbar, daß heute einer Ähnliches über Einsteins, Plancks oder Heisenbergs Werke schriebe! Bezeichnend aber für eine Zeit, in der naturwissenschaftliche Literatur auch dem normalen Gebildeten zugänglich war, und der Stand der Naturwissenschaft es noch erlaubte, ihre Denkprozesse und Ergebnisse in allgemein verständlicher Sprache auszudrücken. Bezeichnend auch für Galileis schriftstellerische Begabung. Allein, daß er italienisch schrieb, und nicht Latein, ist enthüllend! Nichts zeigt deutlicher, wo er seine Leser suchte: nicht an den Hohen Schulen Europas und in den allüberall entstehenden gelehrten Akademien! Galilei suchte den Publikumserfolg, und weil er ihn suchte, ward er zum Haut Vulgarisateur des Kopernikus. "Mit unendlichem Staunen und Vergnügen habe ich Ihr Buch gelesen ... Ich wäre beinahe geplatzt vor Lachen, als ich auf den famosen Simplicius und seine Erklärungen des koprnikanischen Systems stieß – bei all seiner Einfalt ein wunderbarer Typus der durch ihn vertretenen bornierten Schule." – Mit diesen Worten zeigt Galileis Freund Castelli, auf welchem Wege dieser zum Publikumserfolg gekommen ist. Anstatt in strenger Systematik und logischer Folge seinen Gegenstand abzuhandeln, läßt er drei Gesprächspartner – warum eigentlich dann nicht "Trialogo"? – in lockerem Zusammenhang, oft witzig, oft sarkastisch, dann ernsthaft, aber auch hintersinnig und hinterhältig Argumente austauschen. Kurzweilig zu lesen auch deshalb, weil die drei Gesprächspartner nicht streng beim Thema bleiben, sondern sich mancherlei Abschweifungen gestatten.

Die Namen der ersten beiden Gesprächsteilnehmer sind literarische Huldigungen an verstorbene Freunde: "Ich besuchte vor vielen Jahren des öfteren die wunderbare Stadt Venedig und verkehrte dort mit dem Herrn Giovanni Francesco Sagredo, einem Mann von edelster Abkunft und ausgezeichnetem Scharfsinn. Dorthin kam aus Florenz Herr Filippo Salviati, dessen geringster Ruhm in seinem edlen Blut und seinem glänzenden Reichtum bestand; ein erhabener Geist, der nach keinem Genuß mehr strebte als nach dem des Denkens und Forschens." Sie beide sind die Hauptfiguren des Dialogo, wobei Galileis eigener Standpunkt Salviati in den Mund gelegt, Sagredo hingegen die Rolle zugeteilt wird, durch Einwürfe und Fragen das Gespräch in Gang zu halten. Kontrastfigur ist der begriffsstutzige und bornierte Aristoteliker Simplicio, dessen Namen die Leser als den eines berühmten Aristoteles-Kommentators wiedererkennen, eher aber als "Einfaltspinsel" übersetzen mochten. Ihn verurteilte Galilei dazu, als Zielscheibe seiner scharfzüngigen, bisweilen sogar bösartigen Argumentation zu dienen.

In vier großen Abschnitten – Gesprächstagen – schreitet der Dialog fort, der am Ende zu dem Ergebnis kommt, daß "drei große, sehr zuverlässige Beweise" das Kopernikanische System stützen: 1. Der Lauf der Planeten und ihr wechselnder Abstand von der Erde, 2. die Rotation der Sonne mit ihren Sonnenflecken, 3. die Gezeiten des Meeres.

Gegenüber den früheren Arbeiten Galileis enthielt das Buch nichts, was einen Erkenntnisfortschritt bedeutet hätte. Keines seiner Argumente überzeugt – konnte überzeugen, da erst Newton basierend auf Galileis Alterswerk den eigentlichen Beweis für die Erdbewegung um die stillstehende Sonne zu führen vermochte.

Was Galilei indes gelungen war – aber nicht erst im Dialogo –, ist, zu zeigen, daß Ptolemäus nicht mehr zu halten sei. Nicht nur ein Schönheitsfehler war es, daß Galilei sich weder mit Tycho Brahe noch mit Johannes Kepler, der in vielem schärfer gesehen hatte als er, auseinandergesetzt hat, obwohl er Kepler abschrieb, ohne ihn zu nennen. Wahrlich kein großer wissenschaftlicher Wurf. Dennoch eines der "Bücher, die die Welt verändern", dennoch ein Erfolg. Freilich weniger zu seiner Zeit als später. Deshalb sagt Antonio Favaro, Herausgeber von Galileis Werken und sein enthusiastischer Bewunderer: "Der Dialog... gehört zu den berühmtesten Werken der gesamten Literatur, weit mehr infolge der Schicksale, die er für seinen Verfasser im Gefolge hatte, wegen seiner klaren Forschungsmethoden(!) und wegen der Formvollendung, als wegen seines inneren Wertes, der jedenfalls von anderen Schriften des großen Philosophen übertroffen wird."