Von Christian Graf von Krockow

Die Scheiterhaufen, die am 10. Mai 1933 vor den deutschen Universitäten entzündet werden, lodern als Fanale des Aufstands – oder wie es in der Sprache der neuen Machthaber genannt wurde: der "nationalen Erhebung" – wider den europäischen Geist des Humanismus, der Toleranz und der Aufklärung, gegen Freiheit und Gleichheit.

Wider den europäischen Geist: Denn es handelt sich ja nicht um die Errungenschaften nur eines Sprachraumes, eines Landes oder einer Nation, sondern um das Erbe und Gemeingut des europäischen, auch abendländisch oder westlich genannten Kulturkreises. Gewiß ist keine Dichtung ohne ihre Heimat in der Sprache vorstellbar, und zum Reichtum Europas gehört die Vielfalt; noch in der Philosophie kann man zum Beispiel an René Descartes so viel Französisches entdecken wie an John Locke und David Hume Englisches oder an Kant und Hegel Deutsches. Aber zum geistigen Leben gehört der Dialog, zu seinem europäischen Prinzip nicht die Eingrenzung, sondern die Grenzüberschreitung – bis hin zum Weltbürgerlichen und Menschheitlichen. Eben darum bedeutet jeder Versuch der Beschränkung aufs nur Nationale, angeblich Art-Eigene barbarische Provinzialität und, in strenger Konsequenz, die Zerstörung des Geistes.

Verfolgungen und Vertreibungen hat es in der europäischen Geschichte immer wieder gegeben. Man denke an die Wellen der Judenverfolgungen in vielen Ländern. Das Zeitalter der Religionskämpfe im Zuge von Reformation und Gegenreformation führt zu Glaubensverfolgungen und damit zu umfangreichen Fluchtbewegungen. Emigrantenströme verlassen Frankreich nach 1789; Polen fliehen im 19. Jahrhundert nach niedergeschlagenen Aufständen aus ihrer Heimat; viele Deutsche gehen nach 1848 in die Vereinigten Staaten. Auch Schriftsteller und Gelehrte können oft nur in der Fremde halbwegs sicher leben und arbeiten. John Locke verfaßt und veröffentlicht seinen berühmten "Brief über Toleranz" – aus Vorsicht zunächst anonym – in den Niederlanden; Heinrich Heine lebt lange Jahre und stirbt in Paris wie Karl Marx in London ... Die Reihe der Beispiele ließe sich fast beliebig fortsetzen. Nichts Neues also? Doch: Die geplante Radikalität, die wütende Konsequenz der deutschen Zerstörung des Geistes steht einzig da.

Die Verfolgung beginnt natürlich nicht erst in der Nacht der Bücherverbrennungen; die setzt nur das weithin sichtbare Zeichen. Sie beginnt unmittelbar nach der "Machtergreifung"; sie hält an, so weit die Gewalt des "Dritten Reiches" nur reicht und so lange sie dauert. Die Folgen aber der Verfolgung lassen sich zunächst und vor allem mit einem einzigen, bitteren Wort bezeichnen: Exil.

Mittellosigkeit schafft Barrieren