Jetzt richten sich die Hoffnungen auf den Besuch des Papstes

Von Christian Schmidt-Häuer

Warschau, im Mai

Ein polnischer General füttert ein Kind mit den Worten: "Iß den Brei, sonst wird der Papst nicht kommen." So sah die Karikatur einer französischen Kirchenzeitung die Lage vor dem 1. Mai. Viele Polen haben den Brei nicht gegessen. In zwanzig Städten strömten mehr als 100 000 Menschen zu den größten Demonstrationen seit den August-Unruhen zusammen. "Es waren so viele, wie wir nie erwartet hatten", meinte der bescheiden gewordene Lech Walesa anschließend. Bei den stundenlangen Schlachten im Kraferner Vorort Nowa Huta zerschnitt eine Tränengasbombe dem 28jährigen Ryszard Smagur so unglücklich die Kehle, daß er starb. Tränengasschwaden hüllten Zehntausende Demonstranten in Danzig ein, dem Geburtsort der Solidarnořć.

Auf dem Warschauer Altstadtmarkt, über dem sonst von den einspännigen Droschken ein altvertrauter Geruch von Pferdeställen weht, auf dem die Polen in den Frühlingstagen vor dem 1. Mai in langen Schlangen nach Eis anstanden, während die Sonntagsmaler ihre bukolischen Aktbilder unbekümmert rund um jene Tafel aufgehängt hatten, die daran erinnert, daß dort einmal Feliks Dzierzynsky wohnte, Pole und dennoch erster Sicherheitschef der jungen Sowjetrepublik – auf diesem Marktplatz eines fast himmlischen Friedens wurden die Solidarnosc-Demonstranten am Sonntag aus den engen Altstadtgassen zum ungleichen Duell zwischen Verzweiflung und Gewalt zusammengetrieben. Mit Tränengas und Knüppelhieben, selbst gegen Frauen und alte Menschen, erstickte die gefürchtete Sondermiliz (Zomo) die Rufe "Freiheit für die Gefangenen", "Nieder mit der Junta", "Gestapo". Wasserwerfer ertränkten den roten Arbeiter-Festtag mit einer Flüssigkeit, so blau wie die Polizeiuniformen. Ein schwacher Trost: Manch einer in dieser Uniform schwankte verlegen. Und nirgends im Lande wurde scharf geschossen.

Die Polen waren dem Ruf zum Generalstreik im vergangenen November nicht gefolgt, weil sie wissen, daß sie bei der Regierung nichts mehr erreichen können. Aber Zehntausende folgten jetzt dem Mai-Aufruf der Solidarnořć, damit die Regierung weiß, daß sie bei den Bürgern erst recht nichts erreichen kann. Und Zehntausende folgten auch am Dienstag ihrem Gewissen in Schweigemärschen und Gottesdiensten in Warschau, Danzig und Tschenstochau – zum Gedenken an die erste demokratische Verfassung in Europa, jenes polnische Reformwerk von 1791, das Russen und Preußen zerstörten. Und wieder trieb die Miliz die diesmal stumme Menge mit Wasserwerfern und Schlagstöcken auseinander.

Die Polen haben den Brei nicht gegessen – der Papst wird dennoch kommen, vom 16. bis 22. Juni. Die polnische Führung, die vor dem 1. Mai angedroht hatte, Demonstrationen würden den Besuch gefährden, spielt die Gegenmärsche nun als "Fiasko" herunter, weil sie mit einer Absage der Papst-Visite ihre Niederlage und Schwäche eingestehen müßte. Und demonstrativ verwiesen die Medien auf jene angeblich sechs Millionen Menschen, die den offiziellen Umzügen folgten: Daran ist richtig, daß der Bodensatz der Regierungsanhänger und der Resignierten seit dem letzten Jahr etwas gestiegen ist. Der 1. Mai hat freilich die Angst der staatlichen Torhüter vor den elf Millionen, die Johannes Paul II. auf seinem siebentägigen Weg zujubeln werden, weiter gesteigert: Was geschieht, wenn etwa in Tschenstochau aus dem Heer der drei Millionen Pilger Solidarność-Chöre und -Plakate zum Heiligen Vater aufsteigen?