Von Thomas W. Gaethgens

Die Retrospektiven großer Künstler, die in unserem Kulturbetrieb zu den Geburts- oder Todesdaten veranstaltet werden, kommen und gehen oft, ohne daß eine Besinnnung zu diesem Zeitpunkt notwendig oder gar nützlich gewesen wäre. Die dem 100. Todestag von Edouard Manet gewidmete Retrospektive im Grand Palais in Paris (die später ins Metropolitan Museum of Art in New York gehen wird) war jedoch überfällig. Der Anlaß wurde von den Veranstaltern freudig aufgegriffen, er setzte die Besitzer seiner Werke – zum großen Teil die bedeutendsten Museen der Welt – unter Druck, am Gelingen teilzunehmen. Das Ergebnis ist ein überwältigender Beweis dafür, daß all unsere tolerante Geschäftigkeit, die künstlerische Produktion ganzer Epochen wiederzuentdecken, von einem Genie vollkommen in den Schatten gestellt wird.

Nur zweimal war bisher die Möglichkeit gegeben, einen zusammenhängenden Überblick über Manets Schaffen zu gewinnen: 1884, im Jahr nach seinem Tod, und 1932, zum 100. Geburtstag. Die vergangenen Generationen haben diese Anlässe auf ganz unterschiedliche Weise begriffen und genutzt. Unmittelbar nach dem Tode des Malers veranstalteten Freunde in der "Ecole des Beaux Arts" eine Ausstellung, die – so die Hoffnung der Veranstalter – den Pariser Kunstfreunden vor Augen führen sollte, wie beschämend ungerecht die oft scharfe Ablehnung seiner Bilder zu seinen Lebzeiten gewesen war. Das Unternehmen wurde zwar ein Besuchererfolg, wahrscheinlich aber weniger aus Verstand und Verständnis, sondern weil der skandalumwitterte Künstler auch nach seinem Tode noch eine Sensation wert war. Wichtige Hauptwerke wie die "Olympia", "Argenteuil" und andere mehr, die sich alle noch in seinem Atelier befanden, blieben ohne Käufer. Im Gegensatz zu den damals hochverehrten Salonmalern Cabanel, Meissonier oder Baudry war Manet auch nicht die Ehre zuteil geworden, daß eines seiner Werke zu seinen Lebzeiten vom Staat angekauft wurde. Erst durch eine Bürgerinitiative, die den Verkauf in die USA verhindern sollte, aktiv betrieben durch Claude Monet, gelangte die "Olympia" als erstes Gemälde in das "Musée du Luxembourg" (seit 1907 in den Louvre). Die erste große Retrospektive fand nur bei wenigen Kritikern Beifall, trotz des engagierten Katalogvorwortes des treuen Freundes Emile Zola, der selbstsicher den Ruhm Manets voraussagte. Hiermit sollte der Schriftsteller, der sich – wohl nicht immer in voller Übereinstimmung mit Manets eigener Kunstauffassung – zu einem leidenschaftlichen Verteidiger seiner Kunst ernannte, recht behalten.

In den dreißiger Jahren war die Einschätzung von Manets Werk dann nicht mehr zweifelhaft. Es galt als Beginn der Moderne. Die Impressionisten waren längst für museumswürdig befunden worden. Das Bild hatte sich gewandelt, die akademische Salonmalerei wanderte in die Depots.

In einer Zeit, in der wir unsere eigene Gegenwart als "Postmoderne" zu definieren suchen, scheint sich im Abstand von hundert Jahren der Kreis zu schließen. Die ausschließlich die Modernität betonende Interpretation seines Werkes, euphorisch vorgetragen von André Malraux, ist ein Urteil der Leidenschaft, wird jedoch den historischen Tatsachen nicht ganz gerecht. Warum nicht die Moderne mit Davids "Marat", mit Caspar David Friedrich (von dem der amerikanische Kunsthistoriker Robert Rosenblum den Bogen zu Rothko schlug), mit Delacroix’ "Massaker von Chios" oder Courbets Gemälden beginnen lassen? Argumente lassen sich in jedem Fall finden.

Die Ausstellung veranschaulicht mit über zweihundert Gemälden, Zeichnungen und Radierungen auf eindrucksvolle Weise, daß Manet den Widerspruch von Tradition und Moderne, von Verpflichtung gegenüber den von ihm geschätzten Vorbildern und der Suche nach einem eigenen Ausdruck seiner Epoche auf eine uns auch heute noch faszinierende Weise verkörperte. Diese Spannung spiegelt sich in seiner Biographie, seiner künstlerischen Entwicklung, aber auch in jedem einzelnen seiner großen Werke wider. Den inneren Zwiespalt haben die Zeitgenossen nicht begriffen, Baudelaire war vielleicht der einzige, der ihm hier wirklich nahestand.

Revolutionär wider Willen