Der junge Maler aus bestem bürgerlichem Hause suchte die Anerkennung. Er erhoffte zeit seines Lebens und immer wieder neu die Aufnahme in den "Salon", um in den Kreis der von der Gesellschaft akzeptierten Akademiker aufgenommen zu werden. Trotz langer Jahre im Atelier von Couture und seiner Vorliebe für Velasquez und Frans Hals sah er sich unerwartet zurückgestoßen. Er erwachte bei den "Refués", mit denen er 1863 in einer Ausstellung der vom "Salon" Zurückgewiesenen zusammen auftrat, und fand sich als Bohemien etikettiert. Der elegante Manet war aber kein Frondeur, sondern er wurde in die Rolle, Gustave Courbet zu folgen, gezwungen – ein Revolutionär wider Willen.

Es ist heute leicht zu sagen, Manet sei konsequent und seiner Überzeugung entsprechend seinen Weg gegangen. Er muß unter diesem Mißverständnis gelitten haben. Jedes kleine Lob von Theophile Gautier, die ersten sensiblen Sätze von Thore-Bürger und auch die übertriebene Verteidigung von Zola müssen von ihm mit großer Dankbarkeit aufgenommen worden sein.

Wir gehen heute voller Bewunderung an den frühen Gemälden der sechziger Jahre entlang, dem "Bildnis der Eltern" (Paris), dem "Guitarrero" (New York), der "Überraschten Nymphe" (Buenos Aires), der "Straßensängerin" (Boston), "Mademoiselle Victorine im spanischen Kostüm" (New York), "Lola de Valence" (Paris), und müssen mühsam rekonstruieren, was die Ablehnung der damaligen Kritik veranlaßte. Für unsere Sehgewohnheiten bewirken die Brillanz der Farbnuancierung, besonders in den Übergängen von Grau zu Schwarz, und die mit höchster Raffinesse ökonomisch als Kontraste eingesetzten Farbakzente, durch die die Malerei ihr Leben erhält, ein ästhetisches Vergnügen. Die Zeitgenossen, die noch nicht durch die Schule des Impressionismus, des Pointiiiismus und der abstrakten Malerei gegangen waren, beurteilten seine Werke hingegen als unvollendete Skizzen.

Die Kritik am "Déjeuner sur l’Herbe" und der "Olympia" ist leichter vorzustellen, abgesehen von der Maltechnik forderten sie auch vom Sujet her Empörung heraus. Dabei ist die heutige Verwunderung über die damalige Empörung in Wahrheit oberflächlich. Auch in unserer scheinbar so freizügigen Aufgeklärtheit wirkt das Picknick mit der nackten Dame inmitten der Herren im kompletten Anzug befremdlich. Der Hinweis auf das formale Vorbild (Marcantonio Raimondis Stich nach Raffaels Skizze eines Paris-Urteils) erklärt noch nicht die Verwandlung ins Zeitgenössische. Oder wollte Manet, wie jüngst vorgeschlagen, hier doch eine Allergie gestalten, Courbets Vorstellungen von einer "Allegorie reelle" aufgreifen und auf seine Art umprägen? War Manet, trotz deiner Freundschaft mit den bedeutenden. Literaten, ausschließlich ein Beobachter, der Eindrücke seiner unmittelbaren Umwelt festhalten wollte?

Das "Frühstück im Freien" blieb für ihn ein Versuch, traditionelle Bildinhalte in die Gegenwart zu transponieren, ein Unternehmen, das seine akademischen Kollegen – Baudry, Cabanel, Bouguereau, Amaury-Duval –, die ihren Akten den Anschein von Sitte und Ordnung durch sanktionierte Attribute aus Geschichte und Mythologie zu verleihen wußten, nicht honorierten.

Der Historienmaler von heute

In den sechziger Jahren wandelte sich Manet sowohl in seiner Maltechnik wie auch in seinen Themen. Der "Tuilerien-Garten" (London) von 1862 ist der Anfang seines Interesses für Sujets der eigenen Umwelt. Das romantische, pittoreske Element der "spanischen" Bilder beginnt jetzt Darstellungen zu weichen, die aus der Beobachtung des ihn umgebenden Pariser Lebens kommen. Wahrscheinlich übertrug Baudelaire seine Begeisterung für neue Themen und damit eine neue Malerei auf den mit ihm durch Paris flanierenden Manet. Der Maler wird die künstlerisch wenig bedeutenden Zeichnungen von Constantin Guys, den der Dichter hymnisch als den "peintre de la vie moderne" bezeichnete, kaum sehr geschätzt haben. Aber zweifellos prägte ihn Baudelaires Vision von der Moderne: "La modernité c’est le transitoire, la moitie de l’art, dans l’autre moitié est l’éternel immutable." Noch sucht Manet jedoch diese Perspektive mit den Aufgaben, die den Historienmalern gestellt waren, zu verbinden. Es muß ihn eine große Überwindung gekostet haben, sich ganz von der Tradition zu befreien. Die "Olympia" war für ihn eine Übertragung von Tizians Venus von Urbino in die Gegenwart, der Weg in die Modernität führte durch die Schule der von ihm bewunderten Vorbilder.