Die Ambition, Anerkennung auch in der höchsten Bildgestaltung, der Historienmalerei, zu finden, gibt er aber zunächst noch nicht auf. Courbet hatte bereits die akademische Ordnung über Bord geworfen, indem er durch seine riesigen Bildformate und die Ernsthaftigkeit der von ihm gestalteten Genreszenen der niederen Bildgattung eine Würde verlieh, die die Zeitgenossen als Anmaßung auffaßten. Manet hingegen, seinem Charakter und seiner Erziehung entsprechend, vermied den Protest, wählte aber mit der "Erschießung Maximilians" ein zeitgenössisches Ereignis, dessen Tragik er bildlich zu erfassen suchte. Manet war kein Anhänger Napoleons III., er neigte mehr der republikanischen Gesinnung seiner Freunde zu. Aber dennoch kann das Gemälde nicht bloß als Anklage gegen ein sinnloses Unternehmen (nämlich die Inthronisierung Maximilians von Österreich als Kaiser von Mexiko) des herrschenden Regimes gedeutet werden. Gerade die in Paris neben der Bostoner Fassung (die Mannheimer konnte leider nicht ausgeliehen werden) gezeigten Entwürfe belegen, wie der Künstler in den verschiedenen Projekten die rein illustrierenden Motive zurückdrängte. So interpretierte Manet zu Recht Goya, dessen Gemälde "Erschießung vom 3. Mai 1808" ihm bewies, daß ein großer Künstler über die Malerei der Kriegsberichterstattung hinaus gelangen und einer solchen Szene das rein Sensationelle nehmen kann.

Manet war kein Impressionist, der unmittelbar in der Natur empfangene Eindrücke im Freien auf der Leinwand festhielt. "Plein air" war, mit wenigen Ausnahmen, nicht seine Sache. Obwohl er im Café Guerbois und im Nouvelles Athénes oft mit Degas, Fantin-Latour, Caillebotte, Renoir, Pissarro, Sisley, Monet und Cézanne zusammentraf, von ihnen respektiert und von manchen Beobachtern geradezu als Anführer dieser Gruppe angesehen wurde, teilte er nur bedingt ihre künstlerischen Vorstellungen. Er war, im Gespräch verbindlich, sein Urteil wurde gehört, aber er war kein "Chef d’école", wie Sylvestre im Jahr 1887 betont. Dennoch ist sein Einfluß vor allem von Monet, den er so gut er konnte förderte und auch finanziell unterstützte, in seinem Œuvre zu sehen.

Die Schilderung der Zuständlichkeit

Im Jahre 1874 arbeiteten die beiden Maler in Argenteuil zusammen. "Die Familie Monet im Garten" (New York), "Argenteuil" (Tournai), "Im Boot" (New York) legen Zeugnis davon ab, wie die von Monet in konsequenter Fortsetzung der Kunst seines Lehrers Boudin entwickelte spontane und freie Pinselführung sich auch bei Manet wiederfindet. Es ist jedoch bezeichnend, daß Manet sich weigerte, diese Gemälde auf der ersten Gruppenausstellung der Impressionisten im Jahre 1874 zu zeigen. Sein Ehrgeiz blieb, die Aufnahme in den "Salon" zu erreichen, und er wird es kaum sonderlich geschätzt haben, daß man ihn und seine Freunde die "Bande à manet" nannte. Dem "Salon" gemäß war die kompositorische Strenge seiner nur scheinbar rasch entstandenen Darstellungen, deren neue Leuchtkraft durch die reine Mentalität des Farbauftrags erreicht wird und viele Kritiker schockierte. In einer Epoche, in der die Kunstkritik noch weniger betulich als heute urteilte, wurde Manet als Exzentriker bezeichnet und ihm der künstlerische Bankrott attestiert. Über "Argenteuil" hieß es: "Une Marmelade sur un fleuve d’Indigo".

Einen erneuten Skandal provozierte "Nana" (Hamburg), entstanden im Jahre 1877. Werner Hofmann hat eindringlich dargestellt, wie dieses Meisterwerk "den Zerfall der Traditionen und Muster", die seit der Renaissance die Malerei – Hochkunst par excellence – stützte und den Aufstieg, also die "Nobilitierung des Typen- und Themenvorrats der Tages- und Trivialkunst" verkörperte.

Im Zusammenhang der anderen Gemälde, die den Weltruhm Manets ausmachen ("Frühstück im Atelier", München; "Der Balkon", Paris; "Die Eisenbahn", Washington; "Café Concert", Baltimore; "Im Gewächshaus", Berlin; "Bar in den Folies Bergères", London) wird deutlich, wie es Manet gelungen ist, in diesem von Hofmann beschriebenen Prozeß die Banalität der dem städtischen Milieu entnommenen Motive zu vielschichtiger künstlerischer Modernität umzugestalten. Es ist ein Zeichen von Qualität, daß sich die Bilder nicht auf eine ikonographische oder gesellschaftskritische Formel bringen lassen. Alle Versuche, "Nana" oder die "Bar in den Folies Bergères" als moralisierend zu analysieren, gehen fehl. Vor diesen Werken scheitert die bloß intellektuelle Bemühung, durch Anhäufung von Details über die zeitgenössischen Lebensbedingungen einer erhofften Bildaussage auf die Spur zu kommen; Manets Begabung lag darin, daß er das Genrebild, welches das 19. Jahrhundert in so umfassender Weise prägte, wie es Gotthard Jedlicka sagte, "von vornherein überwand, weil der lesbare psychische Inhalt nur mit einer diskreten Profilierung und in einer solchen Form erscheint, daß sie sich nie aus der zeichnerischen und farbigen Gestaltung herauslösen läßt". Indem er sich mit den Malern der "peinture pure" in die "Wiedergabe der reinen Zuständlichkeit rettet", macht er jeden im Namen der Konvention geführten Angriff auf sein Werk unmöglich. Das ist Manets Modernität, und sie gilt auch heute noch.

Die Retrospektive ist eine wahre Jahrhundertausstellung. Eine solche Anzahl von Werken wird kaum je wieder zusammengebracht werden können. Entscheidend zu dem Gelingen haben auch die deutschen Museen beigetragen. In Deutschland fand der Künstler relativ frühzeitig die von ihm erhoffte Anerkennung, Liebermann und die Kunsthistoriker Pauli und Tschudi schätzten ihn, und mit dem "Gewächshaus" kaufte Berlin nicht nur eines der Meisterwerke, sondern das erste Bild für ein Museum. Ohne die deutschen Leihgaben wäre die Ausstellung kaum so strahlend und komplett geworden, wie sie ist. Um so bedauerlicher ist es, daß sie zwar nach Amerika gehen wird (das auch ein großer Leihgeber ist), aber nicht hier zu sehen sein wird. Die vielzitierten deutsch-französischen Kulturbeziehungen wären hier endlich einmal prominent für jedermann sichtbar geworden. Oder sollte sich hierzulande niemand um die Übernahme bemüht haben, weil man eine Absage fürchtete? (Grand Palais bis zum 1. August, Katalog 160 Franc.)

Im ZEITmagazin der nächsten Woche wird ein umfangreicher Bildbericht über Manet folgen.