Von Rolf Zundel

Eine "Politik der Erneuerung" hat sich Helmut Kohl vorgenommen, aber das Neue ist von der Erinnerung an das Alte geprägt. "Was 1949 gelang, unter schweren Lasten, das ist auch heute möglich und notwendig", hatte der Bundeskanzler schon in seiner ersten Regierungserklärung angekündigt. Was "die Ideologien der Macher und Heilsbringer" zerstört haben, soll wieder ins Recht gesetzt werden – die Tugenden und Werte der fünfziger Jahre. Der Streit um Wende und Kontinuität ist auch eine Auseinandersetzung darüber, welche Vergangenheit als verbindlich erklärt, welche ausgeblendet werden soll.

Rückmarsch zu den goldenen Fünfzigern – oder zu falschen Fünfzigern? Hier hat sich aus dem Kontinuum der Geschichte ein Bild abgelöst, das normative Geltung beansprucht, als verpflichtendes Beispiel oder als abschreckendes Exempel. Ein Schlagwort ist entstanden, das bei vielen Benutzern nur noch dürftig aus geschichtlicher Erfahrung gespeist ist. Es dient weit mehr aktuellen politischen Bedürfnissen – zur Ablage der sozialliberalen Zeit in die Schublade der politischen Fehlentwicklung oder zur herabsetzenden Kennzeichnung der neuen Politik als Restauration (schon damals ein Schlüsselbegriff) des alten Fehlverhaltens.

Angewidert erinnert sich der Spiegel-Chefredakteur Böhme an die Jahre, "als NS-Globke noch Staatssekretär im Kanzleramt war, die DDR noch SBZ hieß, Kommunisten im Gefängnis saßen, weil sie einer ‚verfassungsfeindlichen‘ Partei angehörten, Ehebruch und Homosexualität noch strafbar waren und Pastor Klinkhammer Stinkbomben gegen einen Knef-Film warf."

Ganz anders die Erinnerung des Welt-Redakteurs Zehm: "Das waren ja nicht nur im Wirtschaftlichen, sondern auch im Künstlerischen und Literarischen Jahre des kühnen, frischen Ausgreifens, der Erprobung von Neuem, des erkennenden Optimismus. Und die Grenzen zur SBZ waren noch relativ offen; die Landsleute drüben konnten an der allgemeinen Entwicklung teilnehmen."

Hier schlägt man sich Vergangenheiten um die Ohren – selektive Erinnerungen, die für die Gegenwart angemahnt werden: damals schon richtig, damals schon falsch. Aus der Geschichte lernen – in diesem Land nimmt sich das wie ein ruinöser Verdrängungswettbewerb aus. Geschichte wird auf dem Prokrustesbett in die richtige Ordnung gebracht: Was nicht paßt, wird gestreckt oder abgehackt.

Die fünfziger Jahre – natürlich gab es sie nicht. Da war die Nachkriegszeit der Trümmerbeseitigung, die wohl bis zum Wahljahr 1953 dauerte. Als das Angebot in den Schaufenstern noch mit dem Maß der Vergangenheit gemessen wurde ("Wie vor dem Krieg", sagte man staunend und dankbar). Als die Bundesrepublik noch – jedenfalls in den Alpträumen Adenauers und in der Rhetorik der SPD – die Wahl eines eigenen Weges hatte, innenpolitisch und außenpolitisch.