Von Sibylle Zehle

Wan je ein aufregenderer Prospekt angekommen? – Felsen, so steil und rot, so zerklüftet und zerrissen wie die schartigen Abgründe des Grand Canyon; Sandsteinklötze, so gigantisch und bizarr, so erhaben und grotesk wie die Berge im Monument Valley. Doch zwischen Himmel und staubtrockenem Fels, zwischen Wolken und ödem Wüstengebirg’ leuchten blaue Spiegel: Wasser ist da, überall Wasser.

Auf einer Luftaufnahme sieht es aus, als habe jemand die Schlucht des Grand Canyon mit blauem Filzschreiber ausgemalt; da liegt der wildschäumende Colorado River plötzlich breit und behäbig wie ein Fjord im roten Land. Andere Photos zeigen Rennboote, die an senkrecht aufragenden Felswänden entlangjagen oder Hausboote, die sich in glitzernden Weiten zwischen Mondgestein verlieren; ungläubig entdeckt man Menschen, die in türkisklarem Wasser durch steinerne Bogen schwimmen oder auf gleißend hellen Sandstreifen kampieren.

Haben Disneys Enkel etwa den Grand Canyon vollaufen lassen wie eine riesengroße Badewanne? Oder – Fata Morgana auf Glanzpapier – ist alles nur Lug und Trug?

Die Wahrheit ist kurios genug. Natürlich haben die Amerikaner den Grand Canyon nicht abgefüllt; aber sie haben den Glen Canyon zur Hälfte unter Wasser gesetzt, den – kaum weniger beeindruckend – der Colorado im Grenzgebiet zwischen Utah und Arizona in den Stein gesagt hat. Dies taten sie nicht der Freude am Wassersport wegen. Vielmehr bauten sie sieben Jahre lang den 213 Meter hohen Glen Canyon Dam – sein Kamm ist fast einen halben Kilometer lang – damit in einigen großen Städten unter anderem nicht das Licht im Kühlschrank ausgeht.

Dafür hat der Damm in 17 Jahren 41 Trillionen Liter Coloradowasser aufstauen dürfen, und die Ahnung, daß dies ziemlich viel sein muß, trügt nicht: In der menschenfeindlichen, ausgedörrten Wildnis des Westens breitet sich nun der zweitgrößte Kunstsee der Vereinigten Staaten aus, dessen hundertfach verästelte Küstenlinie mit 3140 Kilometern länger ist als die amerikanische Westküste zwischen Kanada und Mexiko. Erst vor zwei Jahren erreichte der See den heutigen, endgültigen Pegelstand. Sein Name: Lake Powell.

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