Von Klaus Pokatzky

Die Berliner "Alternative Liste" (AL) diskutierte über ihr Verhältnis zur Gewalt und das lief genauso ab, wie es sich die Politiker der anderen Parteien in ihren grünlichen Alpträumen ausmalen: Draußen, auf dem Gang, wickelte eine Frau unentwegt ihre mitgebrachten Kleinkinder; drinnen, im Saale, wurde gezankt und gestritten und dann wieder herzlich gelacht. Zum Schluß gab es einen kleinen Tumult, als dem Ex-Kommunarden Dieter Kunzelmann, der nach dem Rotationsprinzip bald die "Alternative Liste" im Berliner Abgeordnetenhaus vertreten wird, von einem cholerischen Gesinnungsgenossen das Mikrophon aus der Hand gerissen wurde.

Da war es aber schon fast halb elf und die meisten der rund 400 Alternativler, die seit nachmittags um viertel nach fünf die jüngste "Emm-Vau-Vau" (Mitglieder-Vollversammlung) der AL bevölkert und bestritten hatten, waren schon auf dem Weg nach Hause.

Die Frage, wie es denn die AL mit der Gewalt halten solle, scheint für die meisten Parteigänger im Moment ein akademisches und somit blutleeres Problem zu sein – es hat schon seit Monaten keine Straßenschlachten mehr zwischen der Polizei und militanten Demonstranten gegeben. Gleichwohl drängen starke Gruppen in der AL seit langem auf eine Klärung des Verhältnisses der Alternativen zu Steinewerfern und anderen Gewaltaktivisten. Sie haben nicht nur den Protest gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik im Auge, in die sich selbstverständlich auch die Berliner Alternativen "einzuklinken" gedenken. Im Hintergrund steht auch das komplizierte, ebenso belastete wie wenig belastbare Neben- und Miteinander von Grünen und Alternativen.

Die AL in Berlin hat etwa 2000 Mitglieder; das Spektrum reicht von liberalen und sozialistischen Bürgerlichen bis zu den Veteranen der ehemaligen K-Gruppen und hat Ausläufer in der militanten Szene. Daneben existiert noch ein eigener Landesverband der Grünen mit 150 Mitgliedern. Vor zwei Jahren, als die AL mit 7,2 Prozent den Sprung ins Abgeordnetenhaus schaffte, machten noch fast 90 Prozent der Grünen gleichzeitig bei der Alternativen Liste mit; heute ist nur noch jeder fünfte Berliner Grüne zugleich AL’er. Über ihr Verhältnis wird seit einigen Monaten heftig gestritten.

Konflikt und Kommission

Ein strittiger Punkt ist die Gewaltfrage. Gewaltfreiheit gehört zum grünen Glaubensbekenntnis; die Berliner Alternativen aber scheuen die Absage an die Militanz im Kampf gegen die Staatsmacht wie der Teufel das Weihwasser. Der unterschwellige Konflikt wurde in der AL im vorigen Juni virulent, als die AL, trotz eines Gerichtsverbots, zur Demonstration gegen den amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan aufrief. Prompt brachen die obligatorischen Straßenkrawalle aus, und die anderen Parteien, im Bund mit den Berliner Zeitungen, fielen mit erheblicher Genugtuung über die AL her.