Wenige Monate nach seiner Haftentlassung formiert der Neonazi-Führer Michael Kühnen seine Anhänger zum Kampf gegen die Demokratie. Er will seine "Aktion Nationale Sozialisten/Nationale Aktivisten" an der hessischen Landtagswahl in diesem Jahr teilnehmen lassen.

Im Gegensatz zu der von ihm als "bürgerlicher Sauhaufen" bezeichneten NPD der sechziger Jahre will Kühnen nicht einfach den äußersten rechten Platz im Parteienspektrum besetzen – er will den gewaltsamen Straßenkampf nach dem Vorbild der NSDAP in der Weimarer Republik: "Täglich kommen neue Kameraden dazu, und wir werden beweisen, daß wir bis zum Sommer und zum Herbst so weit sind, daß wir auf die Straße gehen können, und dann werden wir zeigen, was Nationalsozialisten alles auf der Straße bewirken können."

Seine Getreuen, die sich im rheinland-pfälzischen Bergzabern versammelt hatten, will Kühnen überhaupt auf den pseudolegalen Kampfstil von Hitler und Goebbels festlegen: "Wir werden unseren Kampf gewaltfrei im Rahmen des bestehenden Systems so fuhren, wie ihn Adolf Hitler in den zwanziger und dreißiger Jahren auch hat führen müssen. Nicht, weil wir das alles so furchtbar gut finden, sondern weil wir ganz realistisch einsehen, daß das der Weg ist, den wir gehen müssen. Und Dr. Goebbels hat einmal gesagt: ‚Es mag gut sein, Macht zu besitzen, die auf Gewehren ruht. Besser aber und beglückender ist es, das Herz eines Volkes zu gewinnen und es auch zu behalten.‘"

Das Protokoll der Kühnen-Rede spiegelt an vielen Stellen das Bemühen, augenzwinkernd den Freiraum auszuschöpfen und auszunutzen, den die Gesetze ihm zu bieten scheinen. Mit Kühnens Worten: "Wenn sich Zehntausende finden werden, die mit derselben Entschlossenheit durch die Gefängnisse gehen, die mit derselben Entschlossenheit aufstehen und bekennen: Ich bin Nationalsozialist, dann wird sich in diesem Staat etwas ändern. Bewegungen, zu denen sich Massen bekennen, können nicht mehr verboten werden. Wenn zehntausend Mann mit Hakenkreuzen auf die Straße gehen, dann wird es kein NS-Verbot mehr geben. Dafür werden wir sorgen. Und dazu brauchen wir nicht gegen irgendwelche Gesetze zu verstoßen. Ich habe nicht gesagt, darauf bitte ich Wert zu legen, legt euch jetzt ein Hakenkreuz um und geht auf die Straße. Das wird im Augenblick nur dazu führen, daß es einen isolierten Prozeß gibt und daß die Kameraden dann entsprechende Nachteile zu erwarten haben. Wir haben unsere eigenen Symbole geschaffen und unsere eigenen Grußformeln geschaffen, und wir stehen in der Tradition der damaligen Zeit. Aber wir bemühen uns durchaus, den Gesetzen Rechnung zu tragen, die im Augenblick hier herrschen. Wir mögen diese Gesetze nicht. Wir sind angetreten, sie abzuschaffen. Aber wir haben sie so weit anzuerkennen, daß wir im Rahmen dieser Gesetze zu arbeiten haben. Und dazu sind wir entschlossen."

Deutlich äußert sich Kühnen über seine Pläne bezüglich politischer Gegner: "Die werden wahrscheinlich in ihrem Leben nicht arbeiten, es sei denn, wir kommen an die Macht und stecken sie in die entsprechenden Lager hinein." Und alle Hemmungen fallen lassend, endet er seine Kampfrede mit dem Bekenntnis zum politischen Testament Adolf Hitlers, also zu Kriegswut und Rassenhaß. HJG