Von Benjamin Henrichs

Aber um Gottes willen – so was tut man doch nicht! sagt der Assessor Brack, als sich Frau Hedda Gabler mit der Pistole in die Schläfe schießt. So was tut man doch nicht! sagen oder denken wohl auch heute noch die meisten Theaterbesucher, wenn Nora Helmer ihren Mann und ihre Kinder verläßt Henrik Ibsen, der hochbetagt und hochgeehrt starb, war bis zuletzt und ist bis heute ein Skandalautor. In den "Gespenstern" droht sogar der Inzest – und man weiß nicht einmal, was denn so bedrohlich daran wäre.

Auch "Baumeister Solneß" erzählt eine unmögliche, ja anstößige Liebesaffäre, eine Lolitageschichte beinahe: An einem Tag im blauen Mond September hat der Baumeister Halvar Solneß ein zwölfjähriges Mädchen geküßt. Zumindest erinnert sich das Mädchen, zehn Jahre später, sehr genau daran: "Sie haben mich mit beiden Armen genommen, mich nach hinten gebogen und mich geküßt. Viele Male."

Und noch etwas Unerhörtes hatte Solneß an jenem Tage gewagt: Zum erstenmal war er, ein zeitlebens von Ängsten und Schwindelgefühlen geplagter Mann, auf das Gerüst seines Bauwerks gestiegen, unerschrocken, ganz bis nach oben. Der Augenblick auf dem Kirchturm, die Umarmung mit dem schönen Kind – das waren für Solneß, den freudlos-düsteren Bürger und Karrieremann, zwei mythische Momente gewesen, oder einfacher gesagt: das war das Glück. Endlich hatte er einmal getan, was "man" eben nicht tut Ein Skandal.

So was tut man nicht, weil es so was nicht gibt, nicht geben darf: Glück. Der Skandalautor Ibsen ist immer auch ein pessimistischer Märchenautor gewesen. Im Märchen werden die Wünsche erfüllt – in der Wirklichkeit (und in Ibsens Stücken) werden sie bestraft. Nora Helmer hofft auf das "Wunderbare", Hedda Gabler phantasiert von einem Geliebten mit "Weinlaub im Haar", Oswald Alving (in den "Gespenstern") möchte die Sonne vom Himmel herunterholen. Und Hilde Wangel, das Mädchen im "Baumeister Solneß", schwärmt von "Luftschlössern", hört den "Gesang der Luft".

Nora verliert Mann und Kinder, Hilde Wangel verliert den Geliebten (noch bevor er der Geliebte wurde), Hedda Gabler schießt sich eine Kugel in den Kopf, Oswald Alving verliert den Verstand – fürchterlich bestraft Ibsen seine Figuren für ihre Wünsche (und sich selber für seine). Das skandalöse Glück fällt aus. Vorhang. Getröstet geht der glücklose Bürger nach Hause.

Zeitlebens hatte Ibsen, der Skandalautor, Angst vor dem öffentlichen Skandal. Der unnachsichtigste Kritiker des verängstigten Bürgertums war immer – ein Bürger. "Der Staat ist der Fluch des Individuums. Der Staat muß weg! Bei der Revolution tue ich auch mit!" Das schrieb Ibsen 1871 an den Literaturkritiker Georg Brandes. Gleichwohl hat er sich über jede staatliche Auszeichnung, über jeden Orden rührend gefreut.