Als er vor fünf Jahren – also mit fünfundsechzig; andere gehen da in Pension – seinen ersten eigenen Verlag gründete, war der nur einer von vielen schön-skurrilen Anfängen: Mit vierzehn war er Mitglied der "Höhlenbären", einer Gruppe von Schülern, die sich ihren Stammplatz unter dem Sitz des Bayerischen Landtags gewählt hatten; mit Mitte zwanzig begann er zu verlegen (bei Hugendubel in München): Es war das erste Buch seines Freundes Karl Valentin; und auf das Abitur bereitete er sich vor, indem der weitläufig mit Mendelssohn verwandte Münchener mit Thomas Mann an der Isar spazierenging; als er nach dem Studium der Geschichte, Kunstgeschichte und Germanistik promovierte, war es über die Zeitung der bayerischen Sozialdemokraten Münchner Post.

Lauter Anfänge. Gar kein Ende. 1939 Lektor bei Piper (der ihn 1945 als Cheflektor holte), aber auch Mitarbeiter der legendären Neuen Zeitung und bei Radio München (keine Tagung der Gruppe 47, wo man ihn nicht gesehen hätte). Dann Scherz, dann Ullstein/Propyläen (wo er die berühmte Zentenar-Ausgabe Gerhart Hauptmann initiierte), dann Droemer, dann Hoffmann und Campe (dessen Siegfried-Lenz-Erfolge ihm zu verdanken sind). Dann der Knaus vom Knaus.

Nein. Das eben war er immer. Es mögen unterschiedliche Dienstzimmer und "Dienstherren" gewesen sein – auch jetzt besteht sein Verlag ja als Teil des Bertelsmann-Imperiums ganz unverwechselbar ist, wenn nicht mehr, zweierlei: eine nicht zu sättigende Neugier und eine nicht endende Behutsamkeit im Umgang mit seinen Autoren; wovon Willy Brandt wie Walter Kempowski, Siegfried Lenz wie Hoimar von Ditfurth wie Manfred Bieler Zeugnis geben können. Albrecht Knaus hat das, was so viele jüngere Autoren heute nicht mehr finden – ein offenes Ohr, und Geduld. Selber ein Mann, der Telegramme liebt – "Mookt wi", lautete eines seiner Kabel, mit dem er einem Autor Interesse und Vertrag zusagte –, ist er ganz uneilig, nie drängend, fast sanft, geht es um Schwierigkeiten beim Schreiben, um Zögern, gar Verzögerung. Die macht er mit der eigenen Pünktlichkeit wett.

Sein Haus war jahrelang auch Salon – dort trafen sich, betreut von der unermüdlichen Marianne Knaus, die unterschiedlichsten Geister; Leute oft, die bei anderer Gelegenheit einander eher gemieden hätten. Hier sprachen, lachten, tranken sie miteinander – nicht zu vergessen: aßen gut. Es war stets jene ganz lebendige Zeitgeschichte, die dann wieder das Verlagsprogramm prägte: Marion Gräfin Dönhoffs "Von Gestern nach Übermorgen" oder Elisabeth Weichmanns bewegender Bericht "Zuflucht". War Salon: Denn nun ist sein Haus auch Verlagshaus. Da steht kein mächtiger Betonschuppen und auch keine falsch-feine Villa. Da ist, das schiere Wunder (geräuschlos leise auf einem kleinen Räderwerk summend, das wie eh und je Jutta Petersen in Schwung hält), nicnts als eine bürgerlich-gepflegte Wohnung; nix Knautschledergarnitur, nix Nirostastahl, nix Glasplatte: In dieser Wohnung wird der Verlag betrieben; ohne Büromonster, Computer und Digitalungeheuer.

Auf der sprichwörtlichen Jagd ist Albrecht Knaus nie – aber stets auf der Suche nach Autoren, auf der Spur von Themen, auf der Fährte von Begabungen. Ob er selber je schreiben wird, weiß niemand; "Es könnt’ schon sein", antwortete er auf eine diesbezügliche Frage lakonisch. Aber seine Liebe zu dem, was andere schrieben, hat ihn nie verlassen. Von diesem Trieb bleibt er umgetrieben.

Lauter Anfänge. Gar kein Ende. Das wünscht man einem Mann von siebzig, der ein jugendlicher Verleger ist.

Fritz J. Raddatz