Am meisten wundern sich die Bremer über sich selbst. Und wenn ihnen einer zu Beginn dieser Fußball-Saison prophezeit hätte, daß der SV Werder zum großen Meisterschafts-Rivalen der Hamburger und der Münchner werden würde, sie hätten sich vermutlich veralbert gefühlt. Denn die Bremer Fans brauchten ja nur den Werder-Trainer Otto Rehagel zu befragen, um klipp und klar zu erfahren, daß mehr als ein Platz um den UEFA-Cup nicht "drin" sei. Also so etwa Rang fünf oder sechs.

Und nun, fünf Spieltage vor Saisonschluß, mischt der SV Werder Bremen ganz oben mit im Kampf um den Titel.

"Nicht auszudenken", sagt Franz Böhmen, Chefarzt des Bremer Krankenhauses "Links der Weser" und Präsident des Bremer Bundesliga-Klubs, "wir hätten es diesmal wieder so gemacht wie damals zu Beginn der Saison 64/65."

Damals hatte der Bremer Trainer, es war der schlitzohrige Willy Multhaup, kurz vor dem Start noch nach einer zusätzlichen Prämie im Fall des Titelgewinns gefragt.

"Wir haben das als Spaß aufgefaßt und ihm gesagt, er könne auf einen Blanko-Scheck jede ihm angemessen erscheinende Summe selbst eintragen. Multhaup trug 50 000 Mark ein. Haushoher Favorit war damals der 1. FC Köln. Aber dann wurde Werder gegen alle Voraussagen der Experten und der Propheten doch tatsächlich Deutscher Meister. Und unseren damaligen Schatzmeister hätte rückwirkend fast noch der Schlag getroffen bei dem Gedanken, Multhaup hätte statt der 50 000 die Summe 500 000 eingetragen."

Die Bremer sind seitdem sehr viel vorsichtiger im Umgang mit ihren Blanko-Schecks geworden. Und obwohl auch zu Beginn dieser Saison niemand an die Titel-Chance glaubte, so war man doch mißtrauisch genug, dem tüchtigen Trainer die Unverschämtheit zuzutrauen, über die Schultern der Hamburger und der Münchner hinweg aus der zweiten Reihe zum Kaviar zu greifen. Wie’s ja nun tatsächlich geschieht am Büfett der großen Bundesliga-Party. Die Frage ist: Hat man in Bremen nicht vielleicht doch, ohne es zugeben zu wollen, mit der Möglichkeit des Titelgewinns gerechnet? Und ist der Geradeaus-Typ Otto Rehagel nicht vielleicht doch ein Fußball-Schwejk, der das, was er sagt, durch das widerlegen möchte, was er hofft?

Otto Rehagel gibt darauf zur Antwort: "Ich bin kein Tiefstapler. Ich sehe die Dinge realistisch. Wir sind noch nicht soweit, Meister werden zu können. Natürlich ergreifen wir die Chance, nachdem es besser gelaufen ist, als wir zu Beginn der Saison je erwarten konnten. Aber der HSV ist routinierter, und das zählt besonders viel in der entscheidenden Phase der Meisterschaft."