Von Volker Looman

Es grünt in Baden-Württemberg. Nicht nur in Wald und Flur, sondern auch in der eher schwarzen Landespolitik. Seitdem nämlich Bäume in dem waldreichen Land massenhaft absterben und sich das weitere Waldsterben bestenfalls dunkel erahnen läßt, gärt es an allen Ecken und Enden. Viele Politiker treten die Flucht nach vorne an. So läßt Ministerpräsident Lothar Späth seinen Appell, die soeben erst verabschiedete Großfeuerungsanlagenverordnung noch einmal zu verschärfen, medienwirksam sogar gleich als "ökologische Offensive" verkaufen.

Die hektische Betriebsamkeit überträgt sich auch auf viele Wissenschaftler. Seit Monaten ergießt sich über biowissenschaftliche Forschungsinstitute ein warmer Geldregen, der in der Hoffnung ausgeschüttet wird, endlich die genauen Ursachen des Waldsterbens zu erfahren. Handfeste Ergebnisse sind naturgemäß nicht aus dem Hut zu zaubern. So besteht die Gefahr, daß Forscher, die von der Sache herzlich wenig verstehen, sich aus dem Förderungskuchen ein dickes Stück herausschneiden.

Die Schmarotzer haben jetzt den geharnischten Zorn des Freiburger Forstpathologen Professor Horst Courtois auf sich gezogen. Der Naturwissenschaftler untersucht seit über 15 Jahren die Krankheiten an Baumwurzeln, im Fachjargon Mykosen genannt. Mit seinen Forschungsergebnissen dürfte Courtois den Ursachen des Tannensterbens ein ganzes Stück nähergekommen sein.

"Ich bin ein bißchen beunruhigt, wie sehr hier verhältnismäßig kleine Probleme hochgespielt werden und wie Leuten Geld in die Tasche gesteckt wird, die gar nicht wissen, worum es da überhaupt geht", klagt der 53jährige Forscher und fügt hinzu: "Wir Wissenschaftler sind uns eigentlich längst darüber einig, daß für das Waldsterben eine ganze Reihe von Ursachen verantwortlich ist. Viele Kollegen suchen aber immer wieder nach den Einzelursachen und übersehen dabei leicht die großen Zusammenhänge."

Das Neue an seinen Forschungsergebnissen ist zunächst einmal etwas Uraltes, erklärt Courtois, nämlich nichts anderes als die synoptische Betrachtungsweise, warum ein Baum stirbt. Er versucht, die vielen kleinen, aber schon bekannten Ursachen des Waldsterbens mit seinen eigenen Forschungserkenntnissen über die Wurzelpilze zu verbinden und wie bei einem Puzzlespiel so zusammenzusetzen, daß daraus ein in sich schlüssiges Krankheitsbild entsteht.

Die Gesundheit eines Baumes, egal, ob es sich um einen Laub- oder um einen Nadelbaum handelt, hängt entscheidend von seiner natürlichen Umgebung ab. Courtois: "Wer in einer kleinen, zugigen, feuchten und dunklen Kellerwohnung leben muß, ist für Krankheiten einfach ganz anders anfällig als jemand, der in der sonnigen Belle Etage lebt". Einem Baum geht es nicht anders. Da es aber kaum Standorte gibt, an denen alles stimmt, fühlt sich etwa eine Tanne selbst bei sauberer Luft nie hundertprozentig wohl: Sie steht schon unter Streß, wie die Biologen sagen, bevor der Einfluß des Menschen überhaupt spürbar wird.