Von Karl-Heinz Janßen

Ein Gutes hat der Rummel um die angeblichen Tagebücher Adolf Hitlers nach anderthalb Wochen doch bewirkt: Die Chefredaktion des stern, der in dieser Woche seinen Lesern neue Faksimile-Schriftproben des Nazi-Diktators auftischt, und das Management des Verlagshauses Gruner + Jahr sind nachdenklich geworden und haben auf die massive Kritik von Historikern, Publizisten und Politikern aus dem In- und Ausland reagiert Seit Dienstag werden vom Bundeskriminalamt, das per Amtshilfe für das Bundesarchiv tätig ist, mehrere Kladden aus der Hitler-Kiste nach allen Regeln moderner kriminaltechnischer Kunst geprüft. Die Untersuchungen werden ungefähr zehn Tage dauern, Detailanalysen womöglich noch länger.

Die Gutachter werden nicht nur prüfen müssen, ob die Tagebuchnotizen – in schwarzer, manchmal auch in blauer Tinte – wirklich mit vergleichbaren, unumstrittenen Schriftzügen Hitlers aus den Jahren zwischen 1932 und 1945 identisch sind. Sie werden ebenso das linierte Papier noch einmal unter die Lupe nehmen, die Tinte testen, nach Fingerabdrücken Hitlers und seiner Mitarbeiter Heß, Bormann und Schaub suchen. Andere knifflige Fragen: Sind die Siegel echt? Stammen Kordel, Kunstleder, Einbandleinen und Leim tatsächlich aus den dreißiger und vierziger Jahren? Sind die Altersspuren an den Kladden – abgewetzte Ecken, Abschabungen – echt? Woher kommen die braunlichen Wasserflecken, die an einigen Blatträndern sichtbar sind?

Der stern hat, um auch ja nichts zu versäumen, zusätzlich unabhängige "behördliche Expertengruppen" in der Schweiz und in den Vereinigten Staaten beauftragt, das Original-Material Zu studieren. Das amerikanische FBI hatte schon von sich aus angeboten, mit Laserstrahlen eventuelle Fingerabdrücke Hitlers auszumachen, die man nach 40 Jahren mit herkömmlichen Methoden nicht mehr fände. Freilich muß erst noch nach solchen gefahndet werden. Das Landeskriminalamt München, wo man daktylographische Spuren aus der Zeit von Hitlers Festungshaft in Landsberg vermutet hatte, meldete Fehlanzeige.

Solange "diese von letztverantwortlichen Stellen auf breitester Grundlage durchgeführten Prüfungen" (Originalton stern) noch kein unzweideutiges Ergebnis gebracht haben, wollen sich Chefredakteure, Herausgeber und Verlag nicht mehr an Diskussionen über "Fund oder Fälschung" beteiligen. Dieser Beschluß kam unverhofft. Noch am Dienstagabend hatten Chefredakteur Felix Schmidt und Reporter Gerd Heidemann, der die Fundsache ans Alsterufer zog, im Club 2, der berühmten Talkshow des österreichischen Rundfunks, auftreten wollen. Dann jedoch kam kurzfristig das Absage-Fernschreiben aus Hamburg. Es war gekoppelt mit der Ankündigung neuer Untersuchungen, die um so mehr verblüffte, als Herausgeber Henri Nannen noch am Ende voriger Woche in einem offenen Brief an Professor Martin Broszat, den Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München, klargestellt hatte, daß sich der stern bis zum Ende seiner Hitler-Publikationen nicht in die Karten gucken lassen will.

Broszat hatte zuvor das illustrierte Magazin aufgefordert, die mehr als 60 Kladden in vollem Umfang einer internationalen Historiker-Kommission vorzulegen. Nannen hielt nichts von dieser Idee: Historiker seien wie Ärzte: oft divergierten ihre Diagnosen, und nicht selten würde wissenschaftliche Exaktheit durch subjektive Theorien überlagert. Entscheidend für den alterprobten Blattmacher aber war der Unterschied: "Der Arzt unterliegt der ärztlichen Schweigepflicht, der Historiker nicht."

Mit anderen Worten: Der Stern fürchtete um die Exklusivität seiner teuer bezahlten Geschichte, wenn zu viele Leute ihre Nase in die Kladden steckten. Wenige Tage zuvor allerdings hatte Chefredakteur Peter Koch zumindest einem namhaften deutschen Zeithistoriker angeboten, den sogenannten Heß-Sonderband zu begutachten. Nun jedoch setzt der Stern weniger auf die inhaltliche als auf die materialtechnische Prüfung. Nach der dreiteiligen Heß-Serie, die inzwischen angelaufen ist, soll erst einmal Pause sein bis zur nächsten Tagebuch-Welle. Haben die Gutachter bis dahin alles für echt befunden, wäre die Zeitschrift fein den Schrift- und Papiergutachtern vorgelegen hatte. Ja, wie man hört, hatte der unbekannte Verkäufer noch nicht einmal alle Kladden ausgeliefert.