Die Stimmung in den Börsensälen ist nachdenklicher geworden. Dafür haben die teilweise empfindlichen Kursrückschläge am Beginn dieser Woche gesorgt. Noch steht nicht fest, ob sie als Konsolidierung vor einem weiteren Anstieg zu werten sind, oder ob sie die Vorboten für eine Wende darstellen. Die meisten Banken sind weiterhin der Meinung, daß deutsche Aktien ingesamt immer noch ein Steigerungspotential von 15 bis 20 Prozent besitzen. Erst dann hätten sie internationales Niveau erreicht.

Es fällt auf, daß die Kauflust der Ausländer am deutschen Aktienmarkt nachgelassen hat. Inzwischen geben allein noch die institutionellen deutschen Anleger den Ton an, aber auch die private deutsche Bankenkundschaft. Es gehört inzwischen wieder zum guten Ton, Aktien zu besitzen.

Unverkennbar ist jedoch, daß in manche Bereiche ein ungesundes Spekulationsklima eingekehrt ist. Vielfach sind für Anlageüberlegungen nicht mehr langfristige Qualitätsgesichtspunkte maßgebend, sondern allein die Aussicht auf die berühmte "schnelle Mark". Und sie läßt sich am ehesten mit Aktien erzielen, deren Kurse zumindest optisch niedrig sind. Auf diese Weise kamen in den letzten Wochen auch die Papiere von AEG-Telefunken wieder zu Ehren, wie überhaupt Unternehmen, die sich im Vergleichsverfahren befinden, zum Beispiel Schichau Unterweser oder Vereinigte Kammgarn-Spinnereien, auf Spekulanten eine merkwürdige Anziehungskraft ausüben.

Ihr Hauptspielfeld bilden indessen die Optionsscheine. Die jüngsten Optionsanleihen der BHF-Bank, der Degussa, der Deutschen Bank oder von Hoechst waren jeweils schnell verkauft oder überzeichnet. Für die Unternehmen stellen sie eine preiswerte Finanzierungsquelle dar. So verzinst die Deutsche Bank ihre auf Mark lautende Tranche nur mit 3 3/4 Prozent. Die Anleihe wird also mit einer deutlich unter dem Marktzins liegenden Rendite ausgestattet, und die Optionsbedingungen werden so bemessen, daß praktisch über sie eine Kapitalerhöhung zum gegenwärtigen Börsenkurs stattfindet.

Wenn die Optionsscheine zeitweise Höhen erreichen, die jenseits von Gut und Böse zu liegen scheinen, ist das offensichtlich der Unerfahrenneit der Käufer zuzuschreiben, die zum erstenmal mit Optionsscheinen in Berührung gekommen sind. Mit ihnen ist viel zu gewinnen, aber ebensoviel zu verlieren, wie wir an der Dienstag-Börse dieser Woche erlebt haben, als die Optionsscheine der Deutschen Bank und von Degussa von 205 auf 160 Mark zurückfielen. Und diese 160 Mark werden gezahlt, um in den nächsten acht Jahren eine Aktie der Deutschen Bank zum Festpreis von 335 Mark erwerben zu können. Ihr Kurs muß also über 495 Mark hinaussteigen, ehe sich der Optionsschein bezahlt gemacht hat. Der Aufpreis beträgt rund 48 Prozent.

Der Optionsschein wird von der eigentlichen Anleihe getrennt an der Börse gehandelt. Der Kurswert der Anleihe bestimmt sich nach der erzielbaren Rendite. Die 3 3/4prozentige Deutsche-Bank-Optionsanleihe wird, falls sie zu Kursen um 80 Prozent in den Handel kommt, besonders für Anleger mit hoher Steuerprogression interessant sein, weil der Rückzahlungsgewinn von rund 20 Prozentpunkten steuerfrei vereinnahmt werden kann. K. W.