ARD, Sonnabend, 30. April: "Dietrich Bonhoeffer", Bericht von Hans Joachim Dörger und Christian Gremmels.

Umrahmt von Dieter Hallervorden und der Familie Feuerstein, von Eishockey-Cracks und den Lechtaler Buam kam für die Dauer einer kläglichen halben Stunde Pfarrer Dietrich Bonhoeffer zu Worte. Ein Mann der Kirche, den eben diese Kirche, wegen seiner unbotmäßigen Lehre, mit Argwohn betrachtet – was sie freilich nicht hindert, sich mit dem Martyrium des in Flossenbürg hingerichteten Widerstandskämpfers zu zieren.

Dietrich Bonhoeffeh aus der Perspektive der Zeugen, eines Freundes, eines Neffen, eines Mitgefangenen und einer Reihe von Gleichgesinnten gewann der Pfarrer und Rebell Anschaulichkeit. In doppeltem Zugriff, durch die Verwendung alter Bilder und das Zitieren der Verwandten im Geist, von Eberhard Bethge bis hin zu Bischof Schönherr, gelang es den Autoren, Joachim Dörger und Christian Gremmels, ein Leben zu verdeutlichen, ein Christenleben, das untypisch war und exemplarisch hätte sein müssen.

Ein bewegender Film – und doch nur halb gelungen. Mag einer – schweren Herzens – über die plumpen Wort-Bild-Tautologien hinwegsehen (wenn davon die Rede war, daß eine Bonhoeffersche Radiosendung abgeschaltet wurde, erschien auf dem Bildschirm eine zum Regler greifende Hand; wurde von den Lampen gesprochen, die in der Todesnacht aufleuchteten, dann erstrahlten flugs die aufgebauten Scheinwerfer: Peinlichkeit über Peinlichkeit!), mag einer, weiterhin, die allzu kulinarische Präsentation der großbürgerlichen gelehrten Umwelt eher belächeln als verdammen (viel klassische Musik, wo das Bild von Villa und Meublement genügt hätte) – unverzeihlich war der Verzicht auf jede, selbst die bescheidenste Darstellung der Bonhoefferschen Theologie.

Da wurde ein bayerischer Landesbischof zitiert, der sich weigerte, dem Christen Bonhoeffer die ihm gebührende kirchliche Ehre zu geben – aber warum er das tat: was für einen Vertreter der Amtskirche denn eigentlich so anstößig war an diesem Dietrich Bonhoeffer, das erfuhr der Betrachter am Bildschirm nicht. Kein Wort vom "Ende der Religion", von der "Säkularisierung", der sich der Christ zu stellen habe, vom Christentum in einer religionslosen Welt, von der Notwendigkeit, weit; lich über Gott zu reden, und der Verpflichtung, den allmächtigen im Jenseits thronenden Gott durch den irdisches Leid teilenden armen und leidenden zu ersetzen.

Gott im Diesseits, der Welt anheimgegeben und verstehbar, in Lessings Sinn, nur von der Religion Christi, aber nicht von der christlichen Religion her: Was dieses Theorem für Bonhoeffers Widerstand bedeutete und welche Wichtigkeit es für sein Martyrium hatte, daß er sich als einen Christen verstand, dessen Aufgabe es sei, hier und heute, mitten in der Welt, das Leiden Gottes zu teilen und im Zustand der Ohnmacht dem ohnmächtigen – und eben dadurch hilfreichen! – Herrn nahe zu sein ... darüber wäre zu reden gewesen: all jenen zunutze, die nicht in der Lage sind, sich bei Eberhard Bethge, Bonhoeffers vertrautem Biographen, oder bei den Theologen, von Gerhard Ebeling bis Heinz Zahrnt, das nötige Rüstzeug zu holen.

Dietrich Bonhoeffer ohne seine Theologie: Das ist ein nobler Mann im luftleeren Raum, aber kein Zeuge Christi unter den Brüdern. Kein Nachfolger Jesu, der, mit dem Blick auf den Gekreuzigten, dem zur Jenseits- und Privatreligion herabgekommenen Christentum den Kampf ansagte und, dem Kirchlichen fern, aber dem "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Rufenden nah, in den Tod ging.

Davon, statt Scheinwerfer und Regler ins Blickfeld zu rücken, hätte in knapper und ergreifender Rede die Sprache sein müssen. Momos