Heidegger wollte den Führer führen, bedeutete mir Jaspers einmal. Ganz so abwegig klingt das nicht, blättert man noch einmal in Heideggers notorischer Rektoratsrede aus dem Jahr der „Machtergreifung“: Die deutsche Universität, so liest man da, sei es, die „die Führer und Hüter des Schicksals des deutschen Volkes in die Erziehung und Zucht nimmt“, und, aufmüpfiger: „Alle Führung muß der Gefolgschaft die Eigenkraft zugestehen. Jedes Folgen aber trägt in sich den Widerstand. Dieser Wesensgegensatz im Führen und Folgen darf weder verwischt noch gar ausgelöscht werden.“

Auf jeden Fall wollte der Philosoph die Wissenschaft parteiischer Bevormundung und Politisierung entziehen. Schon der Titel der Freiburger Rede, „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“, mußte sich in jenen Jahren herausfordernd genug ausnehmen.

Alles weitere aber in diesem zehn Druckseiten langen Text bleibt vage und unverbindlich, gelegentlich anpasserisch oder gar völkisch begeistert. Verräterisch erscheint namentlich das Kraftwort-Vokabular, dessen sich der Rektor bedient. Das spreizt sich und strotzt von „Schicksal“, „Verwurzelung“ und „Erstarkung“, von „Zucht“ und „Dienst“, vom „Einsatz bis ins Letzte“, von „Arbeit“ und vor allem von „Kampf“. Die dreifache „Bindung“, die Heidegger der deutschen Studentenschaft aufredete, fügte sich dem, was seinerzeit verordnet wurde, nämlich – und in dieser Reihenfolge – Bindung in die „Volksgemeinschaft“, „eingewurzelt“ durch den „Arbeitsdienst“, an „Ehre und Geschick der Nation“ als „Wehrdienst“ und schließlich an den „geistigen Auftrag des deutschen Volkes“ als „Wissensdienst“.

So kann man es jetzt, mit verwirrten Gefühlen, nachlesen in der Broschüre von Martin Heidegger: „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität – Das Rektorat 1933/34“ (Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt, 1983; 44 Seiten, 9,80 Mark). Denn was hier, in nobel zurückhaltender Ausstattung, ediert wurde, ist der erste, unveränderte Nachdruck der Freiburger Rede Heideggers seit 1933 – abgesehen von einer Art Raubdruck im vorigen Jahr in Frankreich. Wenn Heidegger auch eifrig und kopflos dem Ungeist der Zeit den Jargon nachredete, so war er doch schlau genug, sich direkter Benennungen zu enthalten. Der Herausgeber der Schrift, Martin Heideggers Sohn Hermann, weist denn auch ausdrücklich darauf hin, daß Worte wie „Der Führer“ oder „Nationalsozialismus“ oder gar „Hitler“ in seines Vaters Rede nicht zu finden sind. Dergleichen war ja im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre häufig unterstellt worden, vorwiegend von Heidegger-Feinden, die diese Rede nie zu Gesicht bekommen haben konnten.

Mit dem Text der Rede ist eine Niederschrift Heideggers aus dem Jahre 1945 erstmals veröffentlicht, „Das Rektorat 1933/34 – Tatsachen und Gedanken“, die sich, „inhaltlich teilweise“, wie der Herausgeber vermerkt, mit dem 1966 geführten Spiegel-Gespräch, das erst 1976, kurz nach Heideggers Tod, veröffentlicht werden durfte, deckt. Fataler als die Rektoratsrede erscheint mir dieser Rechtfertigungsversuch Heideggers. Ansätze, sich rückhaltlos zu seiner kurzfristigen Verirrung zu bekennen, werden da durch peinliche, ins „Seinshafte“ gesteigerte Umdeutungen wieder, unglaubwürdig. Der „Kampf“ beispielsweise, von dem einem in seinem Text die Ohren klingen, wird nun, im „Rückblick“, zur „sich auseinandersetzenden Besinnung“ herunterinterpretiert, und der Partei-Eintritt des Professors war bloß eine „Formsache“ und geschah „nur im Interesse der Universität“.

Heidegger selbst erschwert es uns durch derlei hermeneutische Windungen, ihm postum gerecht zu werden. Nationalsozialist war er sicher nicht; aber daß der Nationalsozialismus und das politische Denken Heideggers aus demselben völkischen Schoß krochen, dieser Eindruck läßt sich nicht verwischen. Ehrenwerte Bemühungen, Heidegger da herauszuhalten, ihn womöglich, wie Hermann Mörchen sich neuerdings zugemutet hat, als geistesverwandt mit Adorno darzustellen, wirken hoffnungsloser denn je.

Auch diese neue Publikation beläßt somit den Seins-Denker im politischen Zwielicht. Die Neuheit der Materialien sagt uns nicht unbedingt Neues, das uns bewegen könnte, ihn künftig anders, deutlicher zu sehen. Und auch diese Frage bleibt unbeantwortet: warum gerade in Heideggers Fall die beharrliche Sucht, richten zu wollen? Wo doch bei anderen, etwa jahrzehntelang „verirrten“ Stalinisten, beide Augen zugedrückt werden.

Willy Hochkeppel