Einhundertfünfzig groß bedruckte Seiten: eine Novelle, eine Parabel, eine Erzählung über Heimaufenthalt und Jugendkriminalität, über Familienwärme und jugendliche Selbstfindung hätten darauf Platz. Wer jedoch wie Wolfgang Bittner mit etlichen Stilmitteln des Entwicklungsromans sechs Jahre aus dem Leben zweier geschädigter Heimkinder beschreibt, gerät in Schwierigkeiten –

Wolfgang Bittner: „Weg vom Fenster“; Verlag Huber, Frauenfeld; 155 S., 24,80 DM.

Werner findet keine familiäre Wärme, sucht sie in zweifelhafter Gesellschaft und wird straffällig. Petra kann in eine gekittete Familie zurückkehren und geht auf die Oberschule.

Der Autor muß dabei auf psychologische Vertiefung, differenzierte Argumentation, verdeckte epische Beweisführung verzichten. Die Kausalzusammenhänge zwischen kaltem Frühstücksei und Frust, zwischen Heimaufenthalt und Straffälligkeit müssen eng, zu eng geknüpft werden. Jedes Gespräch, jedes Attribut gerät zum unmittelbaren Beweis. Der Text spricht alles aus und kommentiert die eigene Aussage. Zweifellos versucht Bittner, einen möglichst verbalen Transfer zwischen seiner im Vorwort ausgesprochenen aufklärerischen Absicht und seinen Lesern zu erreichen. Dem Sog seiner Argumentation wird sich besonders ein junger Leser auch nicht entziehen. Aber geht seine Geschichte über die kurzen Informationen des Vorwortes hinaus? Schafft sie eine tiefere, eine epische Wahrheit?

Diese Fragen an Wolfgang Bittners Buch müßten gerechterweise dem ganzen Genre der sogenannten realistischen, problemorientierten Jugendliteratur gestellt werden. Bittner ist gewiß einer ihrer konsequentesten und sachkundigsten Vertreter.

Birgit Dankert