Von Horst Bieber

Vor vierzig Jahren erlebte Hamburg die schlimmsten neun Tage seiner Geschichte, schlimmer noch als der "Große Brand" von 1842, der die damalige Innenstadt einäscherte. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943 eröffnete die Royal Air Force den ersten von sechs Luftangriffen, die in den frühen Morgenstunden des 3. August endeten. Der "strategische Bombenkrieg" war zum erstenmal erfolgreich – das Flächenbombardement legte eine Stadt lahm (wenn auch nur vorübergehend). Schätzungsweise 45 000 Menschen fanden den Tod, allein 40 000 in einer einzigen Nacht, der Nacht des "Feuersturms" vom Dienstag, 27. Juli, auf Mittwoch, den 28. Juli: verbrannt, erstickt, mumifiziert, erschlagen, verschüttet, geschmolzen, in einem Rechteck von vielleicht drei auf fünf Kilometern.

Die Trümmer sind verschwunden, die Erinnerungen nicht. Straße um Straße in den südlichen Stadtteilen ziehen sich die etwas einförmigen drei- und vierstöckigen Ziegelbauten hin, neben den Eingangstüren – oft von Büschen verdeckt oder inzwischen dunkel angelaufen – eine Platte mit der lakonischen Schrift: "Zerstört 1943 – Aufgebaut 1956" oder 1957, 1958 ... sozialer Wohnungsbau; etwa 55 Prozent aller Mietwohnungen waren in den neun Tagen zerstört worden. Und auf Hamburgs größten Friedhof Ohlsdorf stehen – in einem weniger besuchten Teil – große schlichte Holztafeln mit den Namen der Stadtteile, die damals in Schutt und Asche versanken. Rasen, Sträucher, gepflegte Wege – vorbei an den Massengräbern von mehr als 40 000 Menschen (fast ausschließlich Kinder, Frauen, Alte); es gab vor 40 Jahren nicht viel zu identifizieren.

Wer heute in Hamburg lebt oder damals dort Angehörige verloren hat, tut sich schwer, ein Buch über diese Katastrophe nüchtern zu beurteilen, auch wenn dieses Buch eines englischen Autors beiden Seiten, Angreifern und Opfern, Gerechtigkeit widerfahren läßt:

Martin Middlebrook: "Hamburg, Juli ’43"; Ullstein-Verlag, Berlin 1983, 415 S.; 39 Abb.; 39,80 DM.

Vorweg – Middlebrook versteht es, den Leser zu fesseln. Er schreibt flott und unkompliziert, lebhaft und anschaulich, mischt Reportage und Reflektion, Technik und Politik, Geschichte und Geschichten; er beherrscht das Detail so gut wie den Überblick. Die komplizierte Waffe Air Force fasziniert ihn fraglos, manchmal so sehr, daß der Schrecken des Krieges und das Leid des Sterbens darüber verblassen, und sein Herz gehört den Helden, den siegreichen wie den geschlagenen. Dennoch, es ist keine Verherrlichung des Krieges oder Kriegers, obwohl die Leichtigkeit der Erzählung gefährlich oft an diesen fatalen Eindruck heranführt. Die Sicherheit, mit der er sich auf dem schmalen Grat zwischen Kitsch und Kriegs-Pathos hält, verstimmt seltsamerweise, vielleicht, weil hier ein düsteres Kapitel irritierend selbstverständlich als Sujet einer auf spannende Belehrung angelegten Darstellung genommen wird.

Unter dieser Geläufigkeit droht die Aussage überlesen zu werden: Die englischen Nacht-Bombardements deutscher Städte sollten entgegen der offiziellen Propaganda keine kriegswichtigen Anlagen oder Fabriken treffen, sondern die Moral der Zivilbevölkerung erschüttern. Die "Fläche" der Wohngebiete Wurde als Ziel ausgewählt, weil die technischen Möglichkeiten nicht ausreichten, militärisch wichtige "Punktziele" in der Dunkelheit zu finden. Die Amerikaner versuchten eben dies bei Tageslicht, ohne Erfolg und mit hohen Verlusten; erst in den letzten Kriegsmonaten, als die deutsche Gegenwehr erlahmte und ein technischer "Durchbrach" (ein Langstreckenjäger zum Schutz der Bomber) gelungen war, zahlte sich diese Taktik aus.