Beachtlich

"Im Jahr der Schlange" von Heide Breitel. Frauen feiern ein Fest. Das ist nichts Besonderes. Heide Breitet aber, Dozentin an der Berliner Film- und Fernsehakademie, macht daraus etwas Besonderes. In die heitere, gelöste Stimmung hinein erzählt sie ihre eigene Lebensgeschichte und die vier anderer Frauen – alle Jahrgang 1941 (nach chineschischem Kalender ein Jahr der Schlange), geprägt also in ihrer Kindheit von der Enge der fünfziger Jahre. Nur mühsam haben sie sich aus dieser Zeit lösen können, nur mühsam auch aus den gesellschaftlichen und familiären Zwängen, in die sie in den sechziger Jahren dann gerieten. Frauengruppen und Frauensolidarität halfen ihnen zu Aus- und Aufbrüchen, zu einer offenen, entspannten Haltung sich und anderen gegenüber. So ist "Im Jahr der Schlange" auch kein verbissener Traktat über Frauenemanzipation, kein böser Angriff auf die alten Rollenklischees, eher eine Suche nach neuen Wegen. Für diese Suche hat die Filmemacherin ein Puzzle, wie sie es selber nennt, zusammengesetzt, das vier Jahrzehnte in Bild und Ton vorführt. Dabei sind die kindlichen Tagebucheintragungen nicht weniger erhellend als etwa Super-8-Aufnahmen vom trauten Familienglück, Ausschnitte aus Werbefilmen der fünfziger Jahre oder Bilder vom Leben heute. "Im Jahr der Schlange" erzählt Geschichten und zugleich Zeitgeschichte: zum Kennenlernen oder Sich-Erinnern.

Anne Frederiksen

"Milo Barus" von Henning Stegmüller, der in seinem ersten Kinofilm die Lebensgeschichte des Berufsathleten Emil Bahr (1906-1977) erzählt. Der gewann als Milo Barus zwischen 1929 und 1936 fünfmal den Titel "Stärkster Mann der Welt". Doch der kräftige Müllerlehrling aus Mähren, der in fünf Kontinenten Sportautos stemmte, Pferde sieben Meter hohe Stahlleitern hochtrug oder sich mit einem Hammer Steinbrocken auf dem Schädel zertrümmern ließ, war machtlos gegen die Mühlen der Politik. Erst verfolgten den seit seinem 18. Lebensjahr in Gewerkschaft und Sozialdemokratie engagierten Kraftsportler die Nazis: Vier Jahre und sechs Monate Zuchthaus vom "Volksgerichtshof" in Berlin. Nach dem Krieg wurde er gegen seinen Willen nach Bayern ausgesiedelt, nur um dort vom letzten "Kampfkommandanten" seines Heimatstädtchens Weidenau – der war inzwischen in Bayern schon wieder zum Staatsanwalt avanciert – als "Kommunist" angezeigt zu werden. Auch in der DDR, in die sich Barus daraufhin verbittert absetzte, fand er keinen Frieden. Noch mit 70 mußte er wieder in die Bundesrepublik umsiedeln, weil er Witze über den "Staatsratsvorsitzenden" zum besten gegeben hatte. Der 53jährige Günter Lamprecht, ebenso überzeugend als junger Verweigerer wie als aufmüpfiger Greis, zeichnet das Porträt eines Mannes, der alle Lasten, aber keine Ungerechtigkeiten ertragen konnte. Bodo Fründt

Enttäuschend

"Die unheimlich verrückte Geisterstunde" von George A. Romero ist ein Episoden-Horrorfilm, der den morbiden Reiz der amerikanischen E.C.-Horror-Comics der frühen fünfziger Jahre ("Tales from the Crypt", "The Vault of Honor") auf die Leinwand zu bringen sucht. Die Zusammenarbeit dreier Großmeister des Gruselgenres – Regisseur Romero ("Night of the Living Dead", "Zombie"), Autor Stephen King ("Carrie", "The Shining") und Maskenbildner Tom Savini ("Maniac", "Freitag, der 13.") – ließ eine liebevolle parodistische Exkursion ins Schreckenskabinett erwarten. Doch das Resultat, "Creepshow" im Original, ist weder sonderlich "unheimlich" noch "verrückt" und weckt allenfalls nostalgische Erinnerungen an die weit wirkungsvolleren und witzigeren "Omnibus"-Filme der britischen Amicus-Produktionen, die "Psycho"-Autor Robert Bloch für Regisseure wie Freddie Francis ("Der Foltergarten des Dr. Diabolo", 1966) oder Roy Ward Baker ("Asylum", 1972) geschrieben hat. Romeros Methode, mit Trickfilm-Überleitungen und technischen Mätzchen (Farbfilter, gerahmte Bildeinfügungen, "split screen") den Stil der Comics zu treffen, wirkt weniger ironisch persiflierend als plakativ und plump. Nur in jenen Episoden, wo die Darsteller mit vergnügter drastischster Derbheit drauflos chargieren – Stephen King höchstselbst als tumber Farmer, der einen Meteor findet und allmählich zum grünen Moosmann wird; Adrienne Barbeau (Mrs. John Carpenter), die als keifende Ehefrau eines Professors dem "Inhalt" einer arktischen Seekiste unter der Kellertreppe der Uni zum Opfer fällt; und E. G. Marshall als hygienebesessener hysterischer Plutokrat in desinfizierter Penthouse-Wohnung, der sich einer Invasion von Tausenden (Kakerlaken) ausgesetzt sieht – stellt sich momentweise jene Mischung aus Grauen und Grinsen ein, die lustvolle Gänsehaut erzeugt. Warum in der deutschen Fassung die dritte (allgemein als beste bezeichnete) Episode des Originals fehlt, bleibt überdies vollkommen unverständlich. Helmut W. Banz

Empfehlenswerte Filme

"Das Gespenst" von Herbert Achternbusch. "Eine ganze Nacht" von Chantal Akerman. "Diva" von Jean-Jaques Beineix. "Victor/Victoria" von Blake Edwards. "Zwei Löwen in der Sonne" von Claude Faraldo. "Napoleon" von Abel Gance. "Passion" von Jean-Luc Godard. "Klassengeflüster" von Nico Jacusso und Franz Rickenbach. "Café Malaria" von Niki List. Sophies Entscheidung" von Alan J. Pakula. "King of Comedy" von Martin Scorsese. "Danton" von Andrzej Wajda. "Am Rande des Abgrunds" von Fred Zinnemann.