Von Hans-Hagen Bremer

Es war wie ein Volksfest. Auf der weiten Rasenfläche vor dem Invalidendom in Paris lagerten am Dienstag letzter Woche junge bretonische Bauern, verzehrten in aller Ruhe ihre belegten Brote und lauschten den improvisierten Reden ihrer wortgewandten Kollegen.

Die fröhliche Stimmung des Bauern-Picknicks hatte ihren Grund. Die Landleute aus der Bretagne hatten sozusagen ganze Arbeit geleistet. Im Triumphzug hatten sie am Vormittag den deutschen Lastzug bis vor die Tore von Paris geleitet, der am Vortag mit einer Ladung von 22 Tonnen tiefgefrorenem Schweinefleisch aus der Tschechoslowakei bei Landivisiau (Finistère) von wütenden bretonischen Bauern aufgebracht worden war.

Die Absicht, den Lastwagen bis zum Landwirtschaftsministerium zu geleiten, hatte man angesichts des dort postierten riesigen Gendarmerieaufgebots zwar wieder fallenlassen müssen. Doch auch so blieb der Piratenakt nicht ohne die erhoffte Wirkung. Michel Rocard, Frankreichs neuer Landwirtschaftsminister, ließ es sich nicht nehmen, zwanzig Minuten lang selbst mit den Bauern zu sprechen.

Die protestierenden Bauern, die in letzter Zeit immer wieder Straßensperren errichteten, Grenzübergänge blockierten, Bürgermeisterämter und Präfekturen besetzten und am Dienstag der letzten Woche sogar Präsident François Mitterrand auf dessen Reise durch die nordfranzösischen Departements mit Schimpfkanonaden empfingen, sind die stärksten Verbündeten des neuen Landwirtschaftsministers in der Auseinandersetzung mit den europäischen Partnern über die neuen Agrarpreise. Frankreich verlangt von der Bundesrepublik und den Niederlanden im Zuge der diesjährigen Anpassung der landwirtschaftlichen Stützpreise eine spürbare Reduzierung der Währungsausgleichsbeträge, die innerhalb des Agrarhandels der EG angewendet werden, um die Folgen von Wechselkursänderungen für die Einkommen der Landwirte und die Einheit des Agrarmarktes aufzufangen.

Da die europäischen Agrarpreise in Währungseinheiten (ECU) ausgedrückt sind, ändern sich nach jedem Währungsschnitt die in Mark, Gutden, Franc oder Lire umgerechneten Preise, die den Landwirten für ihre Erzeugnisse gezahlt werden. Nach einer Aufwertung erhalten sie weniger, ihre Einkommen sinken – dies wäre bei Ländern wie der Bundesrepublik oder den Niederlanden der Fall; nach einer Abwertung erhalten sie mehr, ihre Einnahmen und Einkommen steigen – dies käme bei Frankreich oder Italien in Frage.

Seit Bestehen des EG-Agrarmarktes haben die Landwirtschaftsminister jedoch stets dafür gesorgt, daß diese Wirkung nie voll eintrat. Möglich ist dies durch die Währungsausgleichsbeträge, mit denen die Differenz zwischen dem alten und dem neuen ECU-Kurs ausgeglichen wird. Aufwertungsländer werden auf diese Weise davor bewahrt, ihren Landwirten abrupte Preisminderungen zuzumuten; Abwertungsländer gönnen ihren Verbrauchern damit eine Schonzeit vor der fälligen drastischen Preisanhebung.