Seit fünf Jahren bemüht sich Tansania um die Erhaltung deutscher Kolonialbauten

Von Gunter Péus

Die Sonne steht täglich im Zenit, die relative Luftfeuchtigkeit erreicht 90 Prozent und mehr: In Dar es Salaam, (noch) Hauptstadt von Tansania, sind auch die Arbeitstage am Schreibtisch stets mit körperlicher Anstrengung verbunden. Die Amtsstunden der Behörden enden deshalb schon zwischen zwei und drei Uhr nachmittags – so früh wie zu Zeiten der kaiserlichdeutschen und später der britischen Administration, als die beamteten Herren aus Europa die heiße Nachmittagszeit zur Siesta und den späten Nachmittag zu Sport und Spiel zu nutzen pflegten. Die moderne Technik, soweit vorhanden, hat diesen Arbeitsrhythmus nicht verändern können, denn die Klimaanlagen in den wenigen modernen Hochhäusern versagen oft ihren Dienst wegen Stromausfalls oder Überalterung.

Besser haben es Büromenschen, die in den alten Dienstgebäuden aus der Kolonialzeit arbeiten. Denn die Architekten des Kaiserreichs hatten es verstanden, die Hitze mittels dicker Mauern und breiter Schattenzonen mit überdachten Veranden und Umläufen fernzuhalten. Türen und Fenster sind dort, wo der Seewind in sie hineinbläst. Und noch heute können die Menschen ihre Wege von Amt zu Amt im Schatten langer Alleen zurücklegen. Offenbar arbeiteten Stadtplaner, Gartenarchitekten und Baumeister um die Jahrhundertwende harmonischer zusammen als heute.

Zeugnisse kolonialer Vergangenheit: In Tansania habe einige länger als in anderen afrikanischen Ländern überlebt – zum Teil einfach deshalb, weil das Geld zu neuer Selbstdarstellung fehlt. Tansania gehört zu den ärmsten Staaten der Erde. Doch seit etwa fünf Jahren spielt auch etwas anderes eine Rolle: eine veränderte Einstellung zur bedrückenden Vergangenheit. Die sichtbaren Zeugnisse der Versklavung durch das deutsche Kaiserreich werden heute in einem anderen Licht gesehen.

Vielen Überbleibseln aus dem kolonialen Erbe – so sie nicht schon niedergerissen wurden – droht heute der Verfall.

Es beginnt bei den Bäumen, den hier so nützlichen, das Stadtbild prägenden Alleen. Sie sind in höchster Gefahr. Nach achtzig bis hundert Jahren, die seit der Pflanzung durch die deutschen Stadtverwalter vergangen sind, haben die meisten Bäume ihre Lebensspanne ausgeschöpft. Viele siechen dahin oder werden vom nächsten Tropengewitter oder Unfallfahrer gestürzt; die Lücken bleiben unbeachtet. Independence Avenue, die Hauptgeschäftsstraße (einst Kaiser-Wilhelm-Straße), hat ihren Allee-Charakter verloren.