Hannover: "Maria Lassnig – Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen"

Maria Lassnig malt "Body-awareness-Bilder". Seit rund dreißig Jahren erprobt sie künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, um ihre Körperbewußtseins-Gefühle zu veranschaulichen. Sie blieb diesem Ziel auch in der schnellen Abfolge der Malstile in den letzten Jahrzehnten treu. Es entstanden post-surrealistische Selbstporträts wie das als Zitrone, tachistische Knödel-Selbstporträts, Selbstbildnisse in abstrakter, informeller und in den letzten Jahren teilweise realistischer Malweise. Das erste allerdings, was in Maria Lassnigs Werk auffällt, ist die Farbe. Helles Grün und Rosa, Türkis und Zitronengelb sind charakteristisch. Rot, abgewandelt mit Orange oder Violett ist als hochpotenziertes emotionales Signal eingesetzt. Das Kolorit erweist sich als eindeutig gefühlsbetont. Es läßt nicht zu, daß etwas von den meist metaphorischen Bildinhalten aus dem Bereich der Emotion in denjenigen der Realität überführt wird. Ebenso wie die Farbe versperren auch die Formen den Rückbezug auf die Wirklichkeit. Die Figuren, in den meisten Fällen ist es der eigene Körper, sind deformiert, verwandelt zur Gartenschere, zum Schwammerl, verzogen zu unförmigen Gefühls-Schulterblättern, zusammengeklumpt zu tonnenförmigen Ungetümen. Beine und Arme werden als Wurst, Draht oder Stock wiedergegeben. So versucht Maria Lassnig, körperliche Empfindungen wie Fülle, Druck oder Spannung darzustellen, aber auch umfassendere seelische Erlebnisse wie Angst oder Melancholie sind mit Hilfe von Gebärden, Metaphern und begrifflichen Symbolen veranschaulicht. Maria Lassnig, Österreicherin, malt seit rund dreißig Jahren und stellte sowohl auf der documenta wie auf der Biennale aus. Aber obwohl Kunsthistoriker wie Werner Hofmann und Walter Koschatzky ihre Werke besprochen und interpretiert haben, ist sie bisher kaum bekannt geworden. Hängt es vielleicht damit zusammen, daß sie gelegentlich auch eine feministische Künstlerin genannt wurde? Ich weiß nicht, wie man darauf kommen konnte, in Maria Lassnig eine Feministin zu entdecken. Mit spezifisch weiblichen Emanzipationsbemühungen hat ihr Werk wirklich wenig zu tun. Sehr viel mehr schon mit einem bis zum Exzeß kultivierten Hauptthema zeitgenössischer Literatur und Kunst, der Umkreisung der eigenen Person, wie wir sie auch von Peter Handke, Thomas Bernhard oder Gabriele Wohmann zum Beispiel kennen. Zermartert das Selbst, sucht in jeder Gefühlsregung Botschaften für das Verständnis vom Mensch-Sein, Seltsam mutet dabei allerdings der Widerspruch an, mit dem Maria Lassnig auf der einen Seite bis hin zur atomistischen Beobachtung von einfachsten Körperreaktionen zurückgreift und auf der anderen Seite sich selbst als bildliche Inkarnation einer weltentragenden Karyatide überhöht. Was hier stört, ist die fehlende Persönlichkeit, der schrankenlose Zugriff auf alles, was Identität verspricht. (Kunstverein Hannover bis zum 12. Mai, danach im Kunstverein München vom 18. bis 26. Juni, Katalog 22,– DM)

Elke von Radziewsky

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: "Alexej Jawlensky" (Kunsthalle bis 26. 6., Katalog 30 Mark)

Düsseldorf: "Zeitvergleich – Malerei und Graphik aus der DDR" (Kunsthalle bis 8. 5., Katalog 28 Mark)

Düsseldorf: "Deutsche Kunst des 20. Jahrhunderts aus dem Busch Reisinger Museum" (Kunstpalast bis 26. 6., Katalog 35 Mark)