Ach, wie war das doch vordem so wunderbar bequem. Good design – verdeutscht "die gute Form" – wollte einst den aufgeplusterten Industrieprodukten des vorigen Jahrhunderts ein Ende machen. Gebrauchsgegenstände sollten endlich handlich sein, frei von hinderlichem Zierat, sollten aus dem richtigen Material gemacht, erschwinglich sein und auf einen Blick zeigen, was sie sind – dem Auge ein Wohlgefallen. Der Titel einer berühmten Ausstellung von 1968 hätte solche Produkte wie ein Orden geschmückt: "Seit langem bewährt." Gemeint war ein Design, das frei ist von den Launen der Moden und von der Neuheiten-Gier der Industrie, aber auch der Zeit gemäß, ein Spiegel ihrer Haltung den Dingen gegenüber.

Ausgerechnet das finden auf einmal Designer langweilig. Ja, sie hassen das Etikett der "guten Form", halten es plötzlich für besserwisserisch, sogar für undemokratisch. Wählen denn die Massen, allem guten Zureden trotzend, nicht ganz andere Sachen für sich aus? Wer redet da, finden diese Designer, noch von "einleuchtender Gestalt", vom "Sinn und Zweck der Dinge" und von der "guten Form" wie ehedem? Brauns Rasierer, seit zwanzig Jahren kaum verändert – igitt.

Nein, die wilden Designer (und ihre Propagandisten) zieht es noch nicht gleich zum Kitscn hinab, so tief reicht ihre neue Sehnsucht noch nicht. Sie halten sich erst beim "Design der Mitte" auf und meinen ungefähr das, was der Professor Gert Seile und seine Frau soeben in einer Ausstellung des Internationalen Design-Zentrums in Berlin präsentieren: "das geniale Design der achtziger Jahre". Sie haben es in Kaufhäusern gesammelt und nun aus-, nein, nur aufgestellt. Denn eine Stellungnahme wollten sie um keinen Preis; sie wollten dem, was sie die "wirkliche Avantgarde" nennen und die wahre "Alltagsschönheit", nur mit etwas "ironischer Distanz" begegnen. Kein Bekenntnis – aber wohl ein kleines bißchen blamieren: Haben die Leute nicht doch einen komischen Geschmack? Aber nein, es soll heißen: haben sie nicht einen interessanten Geschmack, einen, den kein good design je zu treffen vermag?

Was in dieser halbherzigen Ausstellung im unklaren bleibt, wollte das IDZ zugleich in einem Wettbewerb erfahren,Sein Thema war "Gestaltung zwischen ‚good design‘ und Kitsch", also eine Art Design der Mitte. Gesucht war also das, was der Musik für das Radio-Zeitalter einst zu fehlen schien, eine Musik zwischen Mozart(-Vergnügen) und Schlager(-Vergnügen): die Unterhaltungsmusik, die weder das eine noch das andere ist und auch nicht vergnügt, sondern meistens unbemerkt bleibt.

Das Design-Zentrum hat nun aber ernstlich auf Erleuchtung gehofft. Es erwartete Impulse gegen das "veraltete Entwurfsdenken", doch es bekam fast nichts, was es nicht schon gäbe, nichts, was unbedingt gebraucht würde: Unterhaltungsdesign, harmlose Platitüden, kleine Frechheiten und dummes Zeug – einen Fön für den Mann, ein Besteck mit ionischen Kapitellen, Stil-Gartenlauben, das Chrysler Building als Bücherturmregal und manches, was die besonders unzufriedenen und die koketten Designer mit ihrem ("Memphis" genannten) Punk-Design schon geschafft haben: den unbrauchbaren Gebrauchsgegenstand, knallbunt, meistens schief, Nippes für Leute mit viel Geld und zuviel Platz. Soll das die Erlösung von dem als so schrecklich und steril empfundenen anspruchsvollen Design sein?

Es macht einen schon staunen: diese Langeweile vieler Designer an der "guten Form"; ihr Unmut, von den Massen nicht geliebt zu sein; ihre Resignation, das Mittelmaß nicht besiegt zu haben – nun wollen sie das Mittelmaß gestalten.

Ach, und wie trotzig stampfen sie mit dem Fuß dabei auf und strecken den Heroen der Design-Moderne die Zunge raus. Geschmackserzieher des Volkes? Nein: Was vielen gefällt, muß schön und gut sein. Der beste Fachmann ist der Verbraucher. Die Fabrikanten werden sich freuen.

Manfred Sack