Roland Barthes – der Kaiser der zeitgenössischen Zeichen

Von Jürg Altwegg

Seit dem Tod von Roland Barthes im Frühjahr 1980, kurz ehe Sartre starb, beschäftigen sich zahlreiche Studien mit seiner in allen aktuellen Debatten gegenwärtigen Hinterlassenschaft. Verschiedene Zeitschriften (Poétique September 1981, Critique, August 1982) haben ihm Sondernummern gewidmet; die Revue d’Esthétique untersucht seine Beziehungen zu Sartre, der anderen dominierenden Gestalt der Jahrhunderthälfte. In ihrem Essay über Barthes, der im Winter 1982 in französischer Übersetzung erschienen ist, fällt Susan Sontag das Urteil, Barthes’ Werk sei das dauerhafteste seit 1945. Das postume Purgatorium, das in Frankreich über Sartre zu kommen droht, ist Roland Barthes jedenfalls bis jetzt erspart geblieben.

"Meine Generation", sagte Barthes kurz vor seinem Tod, "hatte das Bedürfnis, Sartres Unternehmung, die den Menschen in das Halseisen der historischen Dialektik einschließt, zu erschüttern. Ich habe versucht, das Lustprinzip wiederherzustellen." Dieser Satz drückt den Gegensatz der beiden aus, ohne doch die Wertschätzung zu verbergen, die der anfänglich ebenfalls marxistisch inspirierte Kulturkritiker für Sartre hatte; Barthes hatte ja auch den Plan, ein Buch über Sartre zu schreiben.

Sein erster großer Essay "Am Nullpunkt der Literatur" (1953) bestimmt im Koordinatensystem des 19. Jahrhunderts den Zeitpunkt, da der Schriftsteller aufhörte, "Zeuge des Universellen" zu sein: um 1850. Fast gleichzeitig veröffentlichte Barthes seine Studie über den Historiker Jules Michelet (1798-1874). Er stellt nicht Michelets Leben und Werk vor, sondern versucht herauszufiltern, was aus dem autonomen Ich des Autors in dessen Text eingeflossen ist. Ästhetisch geschieht das im sensiblen Registrieren der stilistischen Abweichungen von der damals herrschenden Norm; durch ständig wiederholtes Übereinanderlegen, Vergleichen, Filtern und Rastern erhält er ein Muster, das er Michelets "Netz der Besessenheiten" nennt und das er als strukturales Bild von Michelets Dasein interpretiert. Michelet wird mit den Mitteln einer existentiell-psychoanalytischen Methode, ebenso nah bei Freud wie bei Sartre, auf seine psychische und ideologische Bedingtheit zurückgeführt – auf seine "Substanz" reduziert.

Neue Welt – verändertes Ich

Für die schriftliche Rekonstruktion durch Barthes erweist sich einzig die Form des mehr oder weniger langen Fragments als angemessen. In der gleichen Art schrieb Barthes zwei Jahrzehnte später über sich selber. Dieser autobiographische Text, ein "Buch vieler Romanfiguren", schließt 1974 mit einem Abschnitt über das "Monster der Totalität".