Reformation in Bildern

Wer den Dichter will verstehen/Muß in Dichters Lande gehen", dichtete Goethe im West-östlichen Diwan. Wer sich mit Luther einlassen will, tut ebenfalls gut daran, sich zu vergegenwärtigen, mit welchen Stätten und Landschaften Leben und Wirken des Reformators verbunden sind – gerade diese Woche, in der die evangelische Kirche in der DDR ihr Luther-Gedenken an eben jenem Tag, dem 4. Mai, beginnen läßt, an dem Luther 1521 Ton Kurfürst Friedrich dem Weisen zum Scheine entfuhrt wurde; an eben jenem Ort, an den er damals verbracht wurde, der Wartburg. Alles braucht einen Ort, um geschehen zu können. Hier geschah das, was als Reformation Weltgeschichte wurde.

Luthers Land: Das ist, gewiß, jenes mitteldeutsche Gebiet zwischen Eisenach und Wittenberg, Erfurt und Eisleben, aus dem er stammte, in dem er lebte. Aber mit zumindest dem gleichen Recht ist es jene gewaltige Zeitenwerde noch am Rande des Mittelalters, die ihren Niederschlag gefunden hat in der expressiven Bewegtheit der Holzschnitte dieser Zeit, in der Leidenschaft ihrer Flugblätter, in den Bildnissen und Porträts, aus denen uns Fürsten und Bischöfe, Gelehrte und Bürger in so unverwechselbarer Weise anschauen. Beides spiegelt sich wieder in

Helmut Diwald/Karl-Heinz Jürgens: "Lebensbilder Martin Luthers"; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1982; 240 S., 78,– DM.

Der Bildband erzählt Luthers Leben mit gut ausgewählten zeitgenössischen Darstellungen. Dazwischen aber erscheinen immer wieder diese Provinzstädte in Sachsen und Thüringen, diese eher bescheidenen Kirchen und Rathäuser, diese falsche, ganz unpittoreske Landschaft, die für ein paar Jahrzehnte den Schauplatz abgab für Ereignisse und Entwicklungen, die Geschichte machten. Die Mitte des Reiches war das schon damals nicht, aber nun, in den Schatten des "real existierenden Sozialismus" geraten, ist dies alles erst recht zurückgesunken in den Zustand einer abgeschiedenen Provinz. Aber gerade dieser Kontrast fordert die Anstrengung des Begreifens heraus, ohne die Geschichte Schulbuchstoff bleibt – oder nicht einmal das.

Ein Autor hat Goethes Aufforderung, auf Luther bezogen, ganz wörtlich genommen. Er ist den Spuren des Reformators gefolgt, in beide Deutschlands, von Wittenberg bis nach Worms, von Eisleben bis nach Dresden. Er hat diese Reise nicht, so gesteht er in der Einleitung, als "Pilgerreise" unternommen. Er wollte vielmehr aufsuchen, "was sich noch finden lassen will vom Geiste dessen, der hierzulande die Kirche umkrempelte und – nicht zu vergessen – mit seiner Bibelübersetzung tatsächlich die Grundlage hochdeutscher Sprache schuf". Und da er diese Fährtensuche mit historischem Gespür und offenem Auge für die Gegenwart, mit Beobachtungsgabe und einem besonderen Sinn für die Berührung zwischen dem Damals und dem Heute angetreten hat, ist das vielleicht originellste, sicher aber liebenswürdigste Buch dieses Lutherjahres dabei herausgekommen;

Frank Pauli: "Luthers Landschaft. Ortsgespräche – Zeitaufnahmen"; Lutherisches Verlagshaus, Hannover 1982; 194 S.,24,80 DM.

Zwischen A wie Altenburg und Z wie Zwickau steckt in diesem Buch eine ganze Luther-Biographie. Vor allem aber betreibt Pauli eine reizvolle, geschichten- und geschichtsreiche Orts- und Erdkunde. Sie geht dem Wurzelwerk nach, in dem Luthers Leben und Wirken sich lokal und regional verzweigte – aber er versteht es, sie nie ganz ins Archäologische abgleiten zu lassen, sondern sie als Teil auch noch unserer Gegenwart wahrzunehmen. Rdh.