Wird Frankreich ein Opfer seiner Legenden? Der Mai 1983, so prophezeit mancher in schönem Wunschdenken, werde "so heiß wie der Mai ’68". Der Grund: Die Studenten schlagen sich wieder mit den Compagnies Républicaines de Sécurité. "CRS = SS", rief man 1968. Diesmal beschimpft man sie, wie weiland die Studenten, als "linke Haufen", weil sie die gesetzliche Ordnung einer Linksregierung verteidigen. Mai verkehrt?

Der Pariser Mai 1968, der nur ein besonders dramatischer Ausschnitt eines weltweiten Aufbegehrens war, wird damit zum Phänomen erklärt, das dem politischen Gezeitenwechsel Frankreichs folgt. Hier ist es gerade eine Linksregierung, die sich gegen den ungehemmten Andrang zu gewissen Studiengängen, die in öffentliche Arbeitsplätze münden, durch Auslese zu wehren sucht. Sie hat das Pech, daß sie schon zuviel und überall mit Reglementierungen eingriff und damit auch noch manche andere, die ohnehin unter der Krise leiden, rebellisch macht. Nun bietet sie jeder Kategorie Verhandlungen an. Die ersten Erfolge erlauben ihr die Hoffnung, daß sie jene Minderheiten im Zaum halten kann, die davon träumen, endlich auch der politischen Rechten Frankreichs ihre Revolutionslegende zu geben. E. W.