Europa hat Amerika erfunden, aber nicht entdeckt", behaupten die Lateinamerikaner. Und der Peruaner Manuel Scorza klagt: "Am Vorabend des 500. Jahrestages der Entdeckung Amerikas habe ich den Eindruck, daß weder die Spanier Amerika noch die Amerikaner entdeckt haben. Jahrhunderte voller Lügen, Unverständnis und gewollter Ignoranz trennen uns."

Um "Schwarze Legenden" und mangelnde Kooperation endgültig der Vergangenheit zu übergeben, trafen rund einhundert Politiker, Wirtschaftler und Schriftsteller aus dreiundzwanzig Ländern in Madrid ein, um drei Tage lang den aktuell len Stand ihrer Beziehungen sowie die wissenschaftlich-technologische, sozioökonomische und kulturelle Entwicklung zu diskutieren. Konkrete Möglichkeiten der Zusammenarbeit sollten aufgezeigt werden, damit dies- und jenseits des Atlantiks Demokratie und Fortschritt möglich werden.

Ein gigantisches Unterfangen, das wohl auch deshalb mit so klangvollen Namen ausgestattet und in so elitärem Rahmen durchgeführt wurde. Anwesend waren fünf Expräsidenten (aus Venezuela, Kolumbien, Panama, Costa Rica und Bolivien). Zwei aussichtsreiche künftige Regierungschefs (Argentinien, Ecuador), Wirtschaftsfachleute, die Schriftsteller García Márquez, Juan Rulfo, Roa Bastos, Otero Silva und andere. König Juan Carlos gab eine Audienz, der Kulturminister lud feudal zum Essen ein, Felipe Gonzalez und Außenminister Fernando Moran zum Cocktail. Manchen Teilnehmern, wie dem Rektor der Universität von San Salvador, mögen diese Tage wie ein befristeter Ausflug aus der Alltagshölle ins Paradies vorgekommen sein. Sein pathetischer Satz: "Meine Damen und Herren, ich komme bluttriefend hier an", klang wie eine beklemmende Dissonanz.

Die kritische Situation Südamerikas, halb im Abgrund, war zentrales Anliegen der drei Arbeitskommissionen. Einstimmig verlangten die Teilnehmer ein Ende der Eskalation des Schreckens durch fremde Einmischung in Zentralamerika und unterstützten die Friedensbemühungen der Contadora-Gruppe (Mexiko, Kolumbien, Venezuela und Costa Rica). Ebenso einmütig verurteilten sie die kolonialistischen Ansprüche Englands auf die Malvinen (und Gibraltar).

Felipe Gonzalez erinnert in seiner kultur- und außenpolitisch wichtigen Rede daran, daß die Völker Iberoamerikas in Momenten äußerer Gefahr stets die gemeinsamen Wurzeln betonen und sich solidarisch verhalten. Jetzt gehe es aber darum, sich konkrete kurz- und mittelfristige Ziele zu setzen.

Anläßlich des 200. Geburtstages des Befreiers Simon Bolivar im August sollten seine Ideen aktualisiert und endlich verwirklicht werden. Die Notwendigkeit eines "einigen und starken" Amerikas sei ja hinlänglich bekannt. Als unmittelbares Ziel verlangte Gonzalez, dafür zu arbeiten, daß es 1984 keinen politischen Häftling mehr gebe, kein Zwangsexil und keine Einschränkung der Menschenrechte in Iberoamerika (langer Beifall), das weiter gesteckte Ziel könne 1992 sein, der 500. Jahrestag der Entdeckung. "500 Millionen Menschen wollen ihren 500. Geburtstag in Frieden und Freiheit feiern."

Madrid profiliert sich als Brückenkopf zu Lateinamerika, die spanische Demokratie fasziniert und gilt als Modell. "Sie ist ein Spiegel, in den die Länder unseres Kontinents schauen müssen, um ihre Konflikte zu lösen", betonte der Expräsident von Venezuela.