Von Hans Schueler

Die Nachricht vom Eindringen eines Unterseebootes allbekannter Herkunft in den norwegischen Hardanger-Fjord zwischen Stavanger und Bergen und der letzte Woche veröffentlichte Bericht einer schwedischen Untersuchungskommission über die Aktivitäten sowjetischer Kleinst-U-Boote in den Schären vor und südlich von Stockholm im Oktober vergangenen Jahres haben die öffentliche Aufmerksamkeit erneut auf die Ostsee als potentiellen Kriegsschauplatz gelenkt. Unser Redaktionsmitglied nahm als Beobachter an dem Nato-Manöver "Blue Harrier" im Kattegat, bei dem die Verteidigung der dänischen Ostseezugänge geübt wurde, auf einem Minenjagd-Boot der Bundesmarine teil.

Der "Seaking"-Hubschrauber vom Marineflieger-Geschwader in Kiel-Holtenau braucht eine gute Stunde, bis er das Seegebiet um die Insel Sejere im südlichen Kattegat erreicht. Unterwegs wird die Sicht zunehmend schlechter. Das Minenjagdboot Lindau, auf dem wir abgesetzt werden sollen, ist aus der Luft nicht auszumachen. So folgen die Piloten der Radar-Peilung, bis sie dicht über dem Schiff stehen, und tauchen langsam in die Nebelbank hinein, deren Untergrenze knapp über dem Wasser liegt. Es reicht noch eben zum Winschen: Von einem Ledergurt um die Brust gehalten, schweben wir durch die Rotor-Gischt auf das Achterdeck der Lindau hinab. Kräftige Matrosen-Hände packen zu, lösen den Gurt und machen binnen Sekunden aus dem Luftfahrer einen Seefahrer.

Das Boot ist bereits in seinem Jagdgebiet. Mit geringer Fahrt läuft es in Schleifen einen vorgegebenen Suchstreifen ab. In der abgedunkelten Operationszentrale unter der Brücke sitzen der Kommandant und seine Ortungsspezialisten vor den Leuchtschirmen des Sonargerätes. Es tastet bis zu 600 Yards voraus den Meeresboden mit Hilfe elektro-akustischer Strahlen auf Grundminen oder nach dem Geschirr von Ankertau-Minen ab. Das Echo erscheint auf den Monitoren in der Zentrale wie ein Radar-Blip. Freilich erzeugen nicht nur Minen Echos, sondern auch große Steine, Muschelhaufen, Wrackteile und nicht zuletzt die Decoys, von Minenlegern vorher an den Meeresgrund gebrachte Kunststoffkörper, die die Jäger irreführen sollen.

Wann immer einer der Operateure glaubt, ein lohnendes Ziel gefunden zu haben, findet eine kurze Beratung statt. Dann entscheidet der Kommandant, ob dem Sonar-Kontakt näher zu Leibe gerückt werden soll. Diese Vorentscheidung ist wichtig: Im er sich und läßt so eine explosionsbereite Mine liegen, wird im Ernstfall ein Schiff daran glauben müssen – vielleicht ein zur Sperrung der Ostseezugänge gegen ausbrechende Seestreitkräfte des Ostblocks eingesetztes U-Boot, vielleicht ein Versorger für die in der Ostsee stationierten Schnellboote der Bundesmarine. Andererseits kann das Jagd-Boot nicht jedem Leuchtpunkt auf dem Schirm folgen; es käme sonst kaum von der Stelle.

Entscheidet sich der Kommandant für die Nachsuche, so hat er zwei Möglichkeiten: Er kann einen Minentaucher mit einem Unterwasser-Reflektor zum gesuchten Objekt schicken. Der Taucher identifiziert das Objekt. Ist es eine Mine, bringt er eine Sprengladung an, die nach seiner Rückkehr zum Boot ferngezündet wird. Weil im Manöver keine scharfen Minen verlegt werden, gilt es, die mit Zement gefüllten, zentnerschweren, kugelförmigen Ankertauminen oder die zylindrischen Grundminen mit Hilfe eines Krans an Bord zu hieven.

Die zweite Möglichkeit der Identifizierung und Vernichtung von Minen bietet das "PAP 104" (Poisson Automatique Propulsé), ein unbemanntes Unterwasserfahrzeug französischer Entwicklung, das von einem Elektromotor mit zwei Schrauben angetrieben wird und mit Scheinwerfern und Fernsehkamera ausgerüstet ist. Das "PAP" wird über einen Lenkdraht von der Operationszentrale aus zum Objekt gesteuert. Dabei läuft es knapp über dem Meeresboden und überträgt seine Aufnahmen auf einen Monitor. Bei klarem Wasser sind sie meist gestochen scharf. Wenn es oben stürmt, trübt sich die Ostsee mit ihren geringen Wassertiefen freilich oft bis zum Grund; dann liefert das Fernsehauge nur mehr verwaschene, kaum auswertbare Bilder.