Die Behausung hatten sie ganz zufällig entdeckt; nur wußten sie beim ersten Augenschein nicht, ob es sich tatsächlich um eine Notunterkunft oder nicht doch um einen Abenteuerspielplatz handelte. Erst am nächsten Tag trafen die Mitarbeiter des "Aktuellen Heimatmuseums" auf Dieter und Jürgen, die sich in dem kleinen Waldstück gegenüber der Berliner Philharmonie für den Sommer eingenistet hatten. Das Thema für die erste Ausstellung stand damit fest: die Odyssee von zwei Arbeitslosen, zwei seßhaften "Nichtseßhaften".

Am 19. Februar wurde das Berliner "Aktuelle Heimatmuseum" in der Pfalzburger Straße 72 eröffnet. Künstler aus den unterschiedlichsten Bereichen wollten dort den Begriff Heimat neu beleuchten, neu darstellen. Feld-, Wald- und Wiesenschnulzen werden nicht gesungen, auch Großmutters Zimt- und Zuckerfäßchen nicht gesammelt; Facetten des Alltags, des täglichen Lebens sollen eingefangen, festgehalten werden.

Es empfiehlt sich, ein bißchen Zeit mitzubringen; denn obwohl das Museum in den beiden Räumen einer ehemaligen Galerie recht klein ist, dauert es eine Weile, bis der Besucher die anfängliche Verwirrung über die naturgetreu aufgebaute Behausung der beiden Tippelbrüder überwunden hat, bis das Groteske einer ganz ursprünglichen Lebensweise – in direkter Nachbarschaft von Verkehrslärm und Kulturbetrieb – ins Bewußtsein dringt, bis es gelingt, die Gegenstände des täglichen Gebrauchs, denen im "normalen Leben" eindeutige Funktionen zugeordnet sind, in anderem Zusammenhang zu begreifen.

Am Wochenende ist im Museum meist Programm. Zu Themen wie "Der Vagabund" oder "Wenn Heimat zum Getto wird" werden Filme gezeigt, Pantomimen aufgeführt oder nach guter alter Berliner Tradition Kabaretts veranstaltet. Näheres zum Programm erfährt man aus den Stadtmagazinen Tip und Zitty.

Die Ausstellung über die beiden Tippelbrüder läuft noch bis zu den Sommerferien, für Mitte September sind die Themen Autobemalung und Tätowierung geplant. Das "Aktuelle Heimatmuseum" ist donnerstags, freitags und sonnabends von 15 bis 20 Uhr und sonntags von 12 bis 15 Uhr geöffnet.

Joachim Gründer