Kiel

Studenten zählten zu den eifrigsten Besuchern des Lokals, nun besucht es niemand mehr: Die Kieler Gaststätte "Kaiser Friedrich" wurde vom Kieler Landgericht geschlossen, weil Gäste, Speisekarte und Einrichtung nicht gutbürgerlich" waren.

"Oje!" stöhnt Uwe Jahncke, "ich komme da jeden Morgen vorbei, und es ist so schrecklich!" Der Richter stöhnt zu Recht: Tag für Tag fährt er auf dem Weg ins Gericht am "Kaiser Friedrich" vorbei; immer wieder wird er – auch von Juristen – auf den Prozeß angesprochen, der, wie die Berliner tageszeitung schrieb, mit dem "Gesinnungsurteil an einer Pizzeria" endete.

In Zeitungsartikeln, Leserbriefen, Flugblättern und Urteilsschelten findet sich Richter Jahncke seitdem als "Ewiggestriger" beschrieben – und das mit seinen 45 Jahren. Er ist "ein bißchen betroffen" über diese Reaktionen, seine beiden Kollegen, die mitgerichtet haben, nicht minder; Sie sind gerade um die dreißig Jahre alt.

Stefan Kreh ist 37 Jahre alt und mehr als "ein bißchen betroffen": Am Dienstag vergangener Woche mußte er seine Wirtschaft schließen. Zwei Angestellte verloren ihren Job. Kreh, zehn Jahre im Geschäft, Eigentümer mehrerer Kieler Kneipen und seit 1980 Unterpächter des "Kaisers" hatte "mit allem gerechnet" – damit nicht.

Siegreich blieb Gerda Willen, eine Witwe, die auf die achtzig zugeht. Mit ihrem Mann hatte sie früher ein Hotel im Hause betrieben. Nach seinem Tod fand sie einen gutbürgerlichen Nachfolger, der allerdings nach einem Jahr gutbürgerlich Pleite machte. Dann kam Kreh und mit ihm der Ärger.

Es hagelte Anzeigen, Beschwerden, Klagen gegen den erfolgreichen Wirt, der mit passablen Preisen Furore machte – schließlich die fristlose Kündigung. Der Streit um die Räumung wurde "mit sehr viel Verbissenheit" geführt, wie Richter Jahncke sich erinnert. "Die Parteien lagen sehr weit auseinander."