Mit den alten Rezepten wird es nicht möglich sein, am Arbeitsmarkt eine Wende zu erreichen

Wohin geht die Reise? Dem Bundesbürger wird es wirklich nicht leicht gemacht, sich ein Urteil über die wirtschaftliche Lage des Landes und die Aussichten für die nächsten Jahre zu machen:

Natürlich versucht der Kanzler in seiner Regierungserklärung amtlichen Optimismus zu verbreiten. Aber tut seine Regierung auch alles, um die so lange avisierte "Wende" nun auch tatkräftig einzuleiten – oder gerät sie im Geflecht der Interessen schon jetzt ins Stolpern? Dieser und jener Industriezweig meldet Zeichen des Aufschwungs – aber wichtige Branchen sehen noch keine grundsätzliche Verbesserung ihrer tristen Lage. Selbst die Bauindustrie – bisher Paradestück der neuen Regierung – sieht sich selber noch lange nicht am rettenden Ufer. Die Zinsen sind in vielen Ländern ebenso gesunken wie die Inflationsraten – doch niemand wagt zu sagen, ob dies von Dauer ist. Die Zahl der Arbeitslosen geht zurück – jedoch für die Jahreszeit viel zu langsam. Die Wirtschaftsforschungsinstitute haben deshalb der Bundesregierung in ungewöhnlich eindringlichem Ton ins Gewissen geredet. Sie wollen endlich Taten sehen.

Weder die Politiker noch die Öffentlichkeit dürfen sich von den leichten Zeichen einer Besserung täuschen oder gar einschläfern lassen. Selbst wenn die Optimisten unter den Konjunkturpropheten recht behalten sollten, wird der leichte Aufschwung nämlich bei weitem nicht ausreichen, um auch nur eine weitere Steigerung der Arbeitslosigkeit in diesem Jahr zu verhindern: 2,8 Millionen Menschen ohne Beschäftigung erwarten die Institute für den Herbst.

Auch der Blick in die fernere Zukunft kann nicht fröhlicher stimmen. In einer Vorausschau bis 1987 geht das Bonner Wirtschaftsministerium von einem durchschnittlichen Wirtschaftswachstum von 2 bis 2,5 Prozent aus. Das reicht in keinem Fall aus, um die Probleme am Arbeitsmarkt zu lösen oder auch nur zu mildern. Steigende Produktivität und eine immer noch zunehmende Zahl von Männern und Frauen im erwerbsfähigen Alter werden dafür sorgen, daß das Heer der Arbeitslosen weiter wächst. Die meisten westeuropäischen Länder und die USA stehen in dieser Hinsicht übrigens nicht besser da als die Bundesrepublik.

Mit den alten Rezepten läßt sich die gegenwärtige Krise also nicht überwinden. Weder eine Wachstumspolitik nach herkömmlichem Zuschnitt, noch die einfallslose Kürzung der Wochenarbeitszeit können uns aus der Misere herausführen. Mit ein wenig Steuererleichterung hier und da, ein paar Subventions-Mark für notleidende Branchen oder regierungsamtlichen Aufrufen nach dem Motto "Nun investiert mal schön" kann die erhoffte Wende auch nicht herbeigeführt werden.

Es wird deshalb Zeit, etwas intensiver über die Frage nachzudenken, ob sich die westlichen Industriestaaten nicht schon längst in einer neuen Phase der Wirtschaftsgeschichte befinden, es nur noch nicht bemerkt haben. Sie übersehen dabei, daß die Wohlstandsbürger von heute anders reagieren als die Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Konsumenten und Sparer es noch vor dreißig Jahren taten. Sie beachten nicht die veränderten Wertvorstellungen und Verhaltensweisen. Und weil sie das alles noch nicht bemerkt lieben, versuchen sie immer noch, mit den Mitteln von gestern die Probleme von morgen zu bewältigen.

Das kann natürlich nicht funktionieren und erklärt auch die vielen Mißerfolge, die die Politiker mit der Anwendung "bewährter Instrumente" bisher erlebt haben. Dennoch halten sie immer noch zäh daran fest – nicht zuletzt deshalb, weil sie noch keine neuen haben. Michael Jungblut