Von Lutz Götze

Zum Jahresende 1982 veranstalteten die Europawelle Saar und die "Deutsche Lesegesellschaft" einen Wettbewerb unter dem Motto: "Auch Christus war ein Ausländer". Kinder zwischen acht und vierzehn Jahren sollten ihre Erlebnisse mit Ausländern niederschreiben. Über 500 Briefe gingen ein. Einige Auszüge: Ein elfjähriger Schüler aus Kiel schreibt, daß die Lehrer zu wenig für "einen guten Kontakt zwischen allen Schülern tun" und merkt an, daß Lehrer das gespannte Verhältnis zwischen deutschen und ausländischen Kindern sogar noch fördern. Ein zwölfjähriges Mädchen aus Norddeutschland notiert einen Ausspruch ihrer Lehrerin: "Wäschst du dich nicht mit Seife?" Ein elfjähriges Mädchen aus Kahl am Main: "Als ich im Krankenhaus lag, weinte neben mir ein kleiner Italiener. Ich tröstete ihn und war froh, jemandem eine Freude bereiten zu können, obwohl es ein Ausländer war ..." Eine zwölfjährige Schülerin aus Sigmaringen im Württembergischen klagt verbittert: "Überall reden wir vom Frieden, der von außen bedroht ist, wo wir doch nicht einmal Frieden vor unserer Haustüre haben."

Einzelfälle? Übertreibungen? Dramatisierungen interessierter Kreise, die den Deutschen Ausländerhaß unterstellen wollen? Oder eine latente oder gar offen zutagetretende Grundstimmung der Ausländerfeindlichkeit bei uns? Oder doch lediglich Ausdruck zeitweiliger Antipathien gegenüber Ausländern, weil sie den Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen, wie häufig zu hören ist?

Wer so argumentiert, bleibt an der Oberfläche. Natürlich ist die Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik ein wesentlicher Faktor für das Entstehen von Ausländerfeindlichkeit: Schätzungen des Jahres 1982 gehen davon aus, daß die Zahl der Ausländer bei uns wegen der für sie typischen Altersstruktur – vor allem junge Leute und Berufstätige, nur 2,1 Prozent der Ausländer befinden sich im Rentenalter – bis zum Jahr 2000 auf 6 Millionen ansteigen wird (derzeit 4,67 Millionen). Die Parole "Ausländer raus", die deutschen Staatsbürgern vermeintlich die Arbeitsplätze sichern soll, wird aller Voraussicht nach in den nächsten Jahren noch erheblich an Popularität gewinnen.

Der Kern des Problems aber liegt tiefer. Beginnen wir mit der Geschichtsvergessenheit oder Vergangenheitsbewältigung durch Verdrängung: Wie viele Deutsche wissen heute schon noch, daß im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert insgesamt sechs Millionen Deutsche zumeist nach Übersee auswanderten, also vom Ausland abhängig wurden, weil sie keine Arbeit in Deutschland fanden; daß um 1850 die Pariser Straßenreinigung fest in deutscher Hand war; daß andererseits die Reichsregierung um die Jahrhundertwende eine inhumane Fremdarbeiterpolitik betrieb?

"Polaken" – getrennt nach Männern und Frauen, etwaige Schwangerschaft war ein Ausweisungsgrund, Kinder hatten jenseits der preußischen Ostgrenze zu bleiben – wurden von ostelbischen Großagrariern im Rotationsverfahren angeworben, um die innerdeutsche Landflucht auszugleichen. Welcher Deutsche weiß noch, daß die Anwerbevereinbarung mit der Türkei bereits 1961 (Italien 1955, Spanien und Griechenland 1960, Portugal 1964, Jugoslawien 1968) von der damaligen Bundesregierung geschlossen wurde, aber erst 1970 türkische Arbeitskräfte in großem Umfang angeworben wurden, als bei den deutschen Arbeitsämtern 150 00 Arbeitslose, aber 800 000 offene Stellen registriert waren? Die deutsche Wirtschaft brauchte ausländische Arbeitskräfte; die türkischen Arbeiter mußten, weil sie als letzte gekommen waren, mit den schlechtesten Arbeits- und Wohnbedingungen vorliebnehmen – eine der Ursachen der Gettoisierung.

Die Türken waren für die deutsche Wirtschaft höchst attraktiv: Sie besetzten schwere und unattraktive Arbeitsplätze (Bergbau, Hochofen, Bandarbeit), machten willig Überstunden und Schwarzarbeit, um schnell zu Geld zu kommen, unterliefen dabei auch gelegentlich Tarifverträge. Schließlich waren sie mobil, also beliebig im Lande von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz zu manövrieren – immer in der Annahme, sie müßten diese schlechten Arbeitsbedingungen nur kurze Zeit ertragen, weil sie doch bald in die Türkei zurückkehren würden. Und welcher Deutsche weiß heute schließlich, daß bereits 43 Prozent aller Ausländer länger als zehn Jahre bei uns sind? Sie haben seither kräftig die lernen- und Steuerkassen des Staates gefüllt, aber bislang nur wenig Rentenzahlungen in Anspruch genommen.