Obwohl die Zahl der bundesdeutschen Reisenden seit Jahren nahezu konstant bleibt, nimmt der Absatz von Reiseliteratur Jahr für Jahr zu. Das Informationsbedarfnis der Reisenden steigt also. Wie wird der Buchhandel dieser Anforderung gerecht?

Während eines Buchhändlerseminars, einberufen von den Verlagen dtv und BLV sowie dem Geo Center, kamen manche Versäumnisse ans Licht. Da sollen sich Buchhändlerinnen (der Anteil der weiblichen Beschäftigten in Buchhandlungen soll bei 80 Prozent liegen) gegen das Thema Länderkunde sträuben, weil "Frau und Landkarte sich beißen" – wie Wolfgang Völcker vom Geo Center meinte. Viele Frauen seien unfähig, Karten zu lesen und entwickelten deshalb Abneigungen gegen den Umgang mit ihnen. Lieber verkauften sie statt dessen Belletristik, weil das mehr dem "Kulturträger-Image eines Buchhändlers entspricht".

Geschludert, so die Selbstkritik, werde auch bei der Schaufenstergestaltung; der informationsbedürftige Kunde stünde ratlos vor wahllos zusammengewürfelten Karten und Büchern: Lüneburger Heide neben Sri Lanka, Finnland neben Nepal. Kaum ein Buchhändler gestaltet ein Reisefenster themenbezogen.

Dem wachsenden Informationsbedürfnis des Reisepublikums ("an Reiseführern wird nicht gespart, höchstens an Campingführern" – Susanne Majer aus einer Buchhandlung in Ulm) wird der Buchhandel selten gerecht. Mal weiß der Buchhändler nicht, was es alles an Titeln zu bestimmten. Themen gibt, mal hat er sein Sortiment nicht übersichtlich zusammengestellt. "Wenn sich die Buchhändler mehr mit Länderkunde beschäftigen würden, könnten sie viele neue Kunden gewinnen", meinte Völcker auf dem Seminar.

Erkannt haben den neuen Trend allerdings die Verlage, die Titelvielfalt von Reisebüchern nimmt inflationär zu, da darf ein "Internationaler Hüttenatlas" nicht fehlen. Insgesamt schätzt man in Buchhandelskreisen den Umsatzanteil von Reiseliteratur und Karten auf rund fünf Prozent ein, bei "jährlichen Steigerungsraten in zweistelliger Höhe" (so Wolfgang Völcker). Manche Buchhandlungen resignieren bereits und bestellen bei den Verlagen längst nicht mehr alles, was produziert wird. Da kann es einem Kunden schon mal passieren, daß er von Buchladen zu Buchladen laufen muß, bis er das Richtige findet.

Auf dem Seminar wurde den in der Mehrzahl jungen Buchhändlern beigebracht, wie man wenigstens mit Hilfe einer sinnvollen Schaufenstergestaltung dem zunehmenden Informationsbedürfnis der Reisebuch-Käufer Rechnung trägt. "Jemand, der diese Literatur verkauft, muß Ideen und Länderkenntnis besitzen" hieß es. Die große Masse der Buchhändler wird auf diesem Gebiet noch viel zu lernen haben, meinten sowohl die Teilnehmer wie auch die Veranstalter des Schulungskurses.

Hans-Georg Ungefug