In Berlin werde ich in kürzerer oder längerer Zeit zu meinem wahrhaftigen Vergnügen erfahren, was die weit von mir will und was meinerseits ich selber von ihr zu wollen habe." Das schrieb Robert Walser 1915, als er Berlin schon hinter sich und erfahren hatte, daß die Welt nichts von sich wollte und also auch er nichts von ihr wollen wollte Nachdem im November 1904 sein erstes Buch "Fritz Kocher’s Aufsätze" beim Insel-Verlag erschienen war, hatte der Siebenundzwanzigjährige es im März 1905 gewagt, die Zürcher Bankcommis-Existenz aufzugeben und nach Berlin zu ziehen, zu seinem älteren Bruder Karl, der dort bereits eine Berühmheit als Maler, Illustrator und Bühnenbildner von Max Reinhardt war.

Das Leben als freier Schriftsteller ließ sich freilich nicht so gut an wie erhofft, jedenfalls wollte Robert Walser seinem Bruder nicht auf der Tasche liegen und verdingte sich deshalb bereits sechs Monate später als Diener auf einem oberschlesischen Schloß. Anfang 1906 kehrte er zum Bruder nach Berlin zurück und schrieb sein für mich schönstes Buch, die "Geschwister Tanner", ein Porträt vor allem auch dieses Bruders Karl und der Lieblingsschwester Lisa.

Der renommierte Verleger Bruno Cassirer brachte sowohl "Geschwister Tanner" wie den ein Jahr später geschriebenen Roman "Der Gehilfe" heraus. Ein Erfolg wurden die beiden Bücher allenfalls bei einigen Schriftstellern, (etwa Franz Blei, Max Brod, Hermann Hesse, Franz Kafka und Robert Musil, der in einer Rezension Kafkas erstem Buch "Betrachtung" sogar vorhielt, es wirke "wie ein Spezialfall des Typus Walser"). Das große. Publikum jedoch ignorierte sie völlig.

In seinem ersten eigenen Berliner Zimmer entstand 1908 dann Robert Walsers dritter Roman "Jakob von Gunten", und er ist so etwas wie die Reaktion sowohl auf den eigenen Mißerfolg als auch auf den triumphalen Erfolg des Bruders. Der Roman ist angelegt als ein Tagebuch, in dem der Zögling Jakob seine Erfahrungen im Institut Benjamenta, einer Art Dienerschule, festhält.

Bereits der erste Satz ist ein Programm: "Man lernt hier sehr wenig, es fehlt an Lehrkräften, und wir Knaben vom Institut Benjamenta werden es zu nichts bringen, das heißt, wir werden alle etwas sehr Kleines und Untergeordnetes im späteren Leben sein."

Das Wenige, was Herr Benjamenta und seine Schwester – mehr Lehrkräfte gibt es nicht mehr – ihren Zöglingen beizubringen versuchen, ist, das eigene Ich gering zu schätzen, "Verluste empfinden und ertragen" zu lernen, also so etwas wie eine Einübung ins Unvermeidliche. Doch Jakob erkennt rasch, daß dieses Wenige sehr viel, ja, für ihn das allerhöchste Erlernbare ist. Jakob wird in der Kunst des Unterliegens ein wahrer Virtuose, der sich immer höher in eine Verzichts-Seligkeit hineinschraubt mit Sätzen wie solchen: "Was nicht sein darf, was in mich hinab muß, ist mir lieb. Es wird dadurch peinlicher, aber zugleich wertvoller, dieses Unterdrückte. Jaja, ich gestehe, ich bin gern unterdrückt." Oder: "Wie glücklich bin ich, daß ich in mir nichts Achtens- und Sehenswertes zu erblickten vermag! Klein sein und klein bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Weile bis hinauf, wo Nacht und Einfluß gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den untern Regionen atmen ... Liebe entbehren, ja, das heißt lieben ... Ich will nicht hoffen, daß ich mich sehne. Unsinn." Erst wenn er der Unterste der Unterlegenen ist, beginnt dieser Jakob eine Art Selbstwertgefühl auszubilden: "Man muß mich nackt auf die kalte Straße werfen, dann stelle ich mir vielleicht vor, ich sei der allesumfassende Herrgott."

Einmal ist in seinem Tagebuch vom "einzigen Gott" die Rede. Doch wer erwarten würde, vor Ihm wenigstens erlaubte sich dieser Jakob einmal zu klagen oder sich etwas zu erhoffen, hätte Jakobs Verzichts-Programm noch nicht begriffen. Denn über Gott notiert er, er sei "zu erhaben zur Hilfe: Zu helfen und zu erleichtern, das würde dem Allmächtigen gar nicht ziemen, so fühle ich wenigstens"!