Hamburg

Mit einem Satz springt der junge Mann vom Bahnsteig zwischen die Gleise und übersteigt die Stromschiene. Er klettert an einem der großen Stahlträger in die Höhe. Feuerwehr und Polizei werden alarmiert. Hektik entsteht auf dem Bahnsteig. Die einlaufende S-Bahn wird gestoppt, der Strom abgeschaltet. Der Mann ist bereits zehn Meter hochgeklettert, und es ist zu ahnen, was er beabsichtigt. Beamte der Feuerwehr klettern hinterher. Es wird Zeit, denn dort, wo der Mast nach innen abgewinkelt ist, hält er sich nur noch mit den Händen, sein Körper hängt frei in der Luft. Die Feuerwehrmänner erreichen ihn rechtzeitig. Mit einem Gurt wird der junge Mann am Pfeiler abgeseilt. Ärzte nehmen ihn in ihre Obhut, und in Begleitung von Polizeibeamten wird der "Suizident" in ein Krankenhaus gefahren.

Die Polizisten schreiben über den Vorgang einen Bericht und speichern die Daten des Mannes im "Polizeilichen Auskunftssystem" (Polas). Da bleibt er gefangen im Spinnennetz des polizeilichen Datensystems.

Die psychosoziale Arbeitsgemeinschaft des Allgemeinen Krankenhauses Eilbek fordert, nun vom Hamburger Datenschutzbeauftragten dafür zu sorgen, daß Daten von Suizidenten nicht mehr von der Polizei gespeichert werden. In einer Antwort an den Datenschützer verweist die Polizei darauf, daß die gespeicherten Informationen helfen können, im Falle der Wiederholung geeignete Maßnahmen zu treffen (beispielsweise besondere Bewachungsmaßnahmen, intensivere besondere bei Vermißtenmeldungen und eventuelle Einweisung in ein Krankenhaus statt in die Gewahrsamszelle der Polizei), Aus diesen Gründen, so folgert die Polizei, sei es im Sinne der Gefahrenabwehr für den Suizidenten selbst wichtig, seine "Veranlagung" zu registrieren.

Suizidale Personen, so halten die Ärzte dem entgegen, seien extrem sensibel Und hätten ein gestörtes Selbstwertgefühl. Die Speicherung ihrer Daten könne zu einer weitgehenden Kränkung im Sinne von überzogenen Schuldgefühlen und Gewissensängsten führen, die eine Behandlung empfindlich störe.

Bemerkenswert ist, daß psychische und physische "Schäden" nicht gleichbehandelt werden. Noch immer schwingt bei den Sicherheitsorganen unterschwellig mit, daß psychisch Kranke sich bereits im Vorhof krimineller Handlungen befinden: In das polizeiliche Datensystem werden nur Personen gespeichert, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten sind. Ausnahme bleibt da der Suizident – der Patient auf einer Stufe mit dem Rechtsbrecher. Suizidversuche sind in der Regel Ausdruck sich zuspitzender seelischer Krisen. Der Suizident ist auf ärztliche Hilfe angewiesen. Polizeiliche Maßnahmen können in dieser Situation den Zustand verschlimmern. Und die polizeilichen Argumente für eine Speicherung sind nicht beweiskräftig:

1. Im Rahmen des "Ersten Angriffe" ist es in der Regel für die Polizei nicht möglich, für den jeweiligen Fall die individuell richtige Maßnahme auf Grund abgerufener Daten zu treffen, denn die Informationen liegen nicht vor, weil das schnelle Einschreiten eine Abfrage der Datei gar nicht zuläßt. Der Datensatz wird nicht am Ort, sondern immer erst in der Wache abgefragt.