Von Barbara Ungeheuer

Eine Frühlingsbrise verkündet frischen Blumenduft. Ein romantisches Picknick unter einer vom Winde verwehten Trauerweide. Elegante junge Damen in breitkrempigen Strohhüten nippen am Eistee aus Jasmin ..."

Das war Estée Lauders Vision für ein Produkt, das glücklicherweise nicht aus Worten, sondern aus Düften entstehen sollte: ihr Parfüm "Weißes Leinen", heute eine internationale Duftwolke in Boudoirs und Büros. Doch hat sie ihren Aufstieg ins Mogulreich der Kosmetik nicht nur ihrer Nase, sondern auch ihrem Fingerspitzengefühl zu verdanken, mit dem sie seit 35 Jahren immer wieder eine Marktlücke entdeckt, die Gewinn verspricht.

Der von Wallstreet auf eine Milliarde Dollar geschätzte Jahresumsatz des Familienkonzerns "Estée Lauder, Inc." ist nur das Ausrufungszeichen hinter einer amerikanischen Erfolgsgeschichte, die auf der konsequenten Förderung eines Selbstbildnisses beruht. In ihrem Weltbild gibt es keine alternden Dorian Grays, denn hinter Estee-Lauder-Mörtel lassen sich Fratzen und Falten verbergen. Selbst die Fabrik in Long Island ist aus blütenweißem Porzellan, und hoch oben in einem weißen Marmorturm an der fünften Avenue residiert die Firmenzentrale, vom Gobelin der Manhattan Skyline umhangen. Im Pflegegeschäft von empfindlichen Fassaden ist das Image die beste Reklame, und so wird ein Besucher genau so ernst genommen wie die richtige Wahl der zum Kleid und Opernball passenden Tiara.

Über chinesische Seidenteppiche gleite ich der PR-Dame nach, die mir die Keimzelle des Lauder-Imperiums zeigt, wo vom "Jugendtau" fürs Badewasser bis zur Tinktur, die alternde Zellen reparieren soll, darüber entschieden wird, was die moderne Frau und auch der Mann zur Selbstverwöhnung braucht. Auch die Büros, eingerichtet als Traumwohnung, sind hier nicht zweckentfremdet, denn Qualität und Eleganz ist Estée Lauders Motto. "Arbeit macht Freude, wenn man sich so wohl fühlt wie zu Hause" – eine der vielen Devisen für ihr Erfolgsrezept. In ihrer Industriekapitänswerkstatt zahlt Weiblichkeit keinen Preis – ein Zimmer eigentlich für Champagner und Canapés mit diesem Sofa aus Satin und den handgemalten Vögeln auf der Tapete im "Estée-Lauder-Blau". Dennoch, ganz ohne Machttrophäen geht es nicht. Aber schließlich gehören die Photos in den Silberrahmen, die sie mit Präsident Nixon, Nancy Reagan, mit Prinzessin Grace und dem Duke of Windsor zeigen, zum Firmeninventar, mit dem sich hausieren ließ, als man schon lange nicht mehr an fremde Türen klopfen mußte.

An das Damals, als Estée Lauder mit ihrer Hautölflasche durch die Nachbarschaft von Manhattans Westseite zog und das Hausrezept ihres Wiener Onkels für einen Dollar verkaufte, an jene Zeiten in den vierziger Jahren läßt sie sich nicht gerne erinnern. Schon gar nicht an die ersten Kundinnen, die sie heute nicht mehr erkennt. "Esti war schön, energiegeladen, organisiert und eine tolle Verkäuferin. Wie das Baby an die Muttermilch glaubte sie an ihr Produkt", erzählt eine der noch auffindbaren Zeugen aus jener Anfangszeit. Estée ist voller Energie". sagt Schwiegertochter Evelyn geborene Hausner aus Wien, die heute den stetig wachsenden Markt in Europa überwacht. Sie gehört zum offenen Erfolgsgeheimnis von Estée Lauder Inc.: eine ganze Familie, die mitzieht und der Urmutter nacheifert, als sei sie allgegenwärtig, wenn auch nicht präsent.

Seit einigen Wochen schon ist Estee Lauders Louis-XVI-Schreibtisch verwaist. Seit dem unerwarteten Tod ihres Mannes und Firmenmitbegründers Joe hat sie sich in ihre Residenz von Palm Beach in Florida zurückgezogen. Aber sie bleibt in ständigem Kontakt mit dem Sohn und Thronfolger Leonard, der seit einem Jahr die Verantwortung für die Tagesgeschäfte der Firma übernommen hat, vor kurzem noch vom jüngeren Bruder, unterstützt, bis dieser aber von Präsident Reagan aus dem Kosmetikgeschäft nach Washington geholt wurde. Dafür springt jetzt seine Frau Jo Carole ins Wasser, um die neu entwickelte Wimperntusche zu testen.