Was ist fantasy Literatur? Ein Repertoire schöner Bilder mit Elfenbein-Palästen, Fabelwesen und Schattenkönigen? Ist es die romantische Reise ins Hobbygärtlein naiver Märchenerzähler, traumschöne Flucht vor den Widerwärtigkeiten der Realität

Durch fantaselnde Autoren, Bestseller-Glamour und viele Mißverständnisse ist der Begriff fantasy entstellt und denunziert worden, auf Kunstgriffe, Chiffren und die Collage zauberischer Motive heruntergekommen. Es gibt Trivial-Phantasten, die bengalische Beleuchtung für fantasy ausgeben möchten und ernsthaft behaupten, Tieck, Jean Paul, MacDonald, Carroll oder Swift seien ihre literarischen Vorbilder.

MacDonald kennen hierzulande immerhin viele Leser, Michael Ende kennt jeder, den englischen fantasy-Autor T. H. White kennt so gut wie niemand. (Im Lexikon für Kinder- und Jugendliteratur ist nicht einmal sein Name erwähnt.) Woher kommt das?

Terence Hanbury White, 1906 geboren und 1964 auf einer Schiffsreise von Amerika nach Europa verstorben, ist eben kein harmlos fabulierender Erzähler, dem ein paar romantisierende Aufblicke zum Mond genügen, auch nicht die populären, für Film und Fernsehen zurechtgeputzten Motive von sword and sorcery. White ist ein Schriftsteller, für den nach einer Definition Caillois’ ("Anthologie fantastique") das Phantastische weder Idyll noch Ausflucht bedeutet, sondern einen Riß offenbart, einen fast schmerzhaften Einbruch in die reale Welt.

Ihn interessiert nicht das Arrangement schöner Stimmungsbilder in betörenden Traumkulissen. Statt Esoterik und Elegie hat Whites Sprache Brillanz, Schärfe, Biß. Er ist ein radikaler Phantast, dessen Texte voller Groteske, Witz, Farce und Eleganz stecken. Mit rücksichtsloser, fast verzweifelter Wut attackiert er Machtgier, Dummheit und Hybris der Spezies Mensch. Whites Exkurse ins Tierreich verraten immense Kenntnisse der Naturgeschichte und Historie.

"Ich habe über den Menschen als ein Tier unter Tieren nachgedacht, und ich glaube, ich habe wirklich etwas herausgefunden über all diese sinnlosen Ismen (Kommunismus, Faschismus, Konservativismus), indem ich einfach mal einen Schritt zurück tue in die wirkliche Welt, in der der Mensch nur eines unter unzähligen Tieren darstellt."

White läßt den Zauberer Merlin den homo sapiens verhöhnen und das Bild eines homo impoliticus, eines homo ferne zeichnen, das düstere Bild eines schier omnipotenten Mörders, dessen Lust an Gewalt grenzenlos ist, der Goldfinken mit Nadeln blendet, damit sie zum Singen gebracht werden, der seine Gegner foltern und hängen läßt, der von Sokrates bis Gandhi alle Menschen hat umbringen lassen, die seine Gewalt-Ideologie gestört haben, und der sich nach all diesen Massakern für die Krone der Schöpfung hält.