Wenn man ihn, etwa anläßlich seiner Gastspiele an der Hamburgischen Staatsoper oder an der Deutschen Oper Berlin, einen russischen Tänzer und Choreographen nannte, gab es zuweilen heftige Proteste: von Seiten der Georgier, die ihn für sich in Anspruch nahmen. In Wirklichkeit war Balanchine beides: Georgier, nämlich väterlicherseits, und Russe, mütterlicherseits. Die Parzen hatten es ihm solchermaßen nicht gerade in die Wiege gelegt, sondern schon vorher bestimmt, daß er ein Synthetiker werden sollte, und zwar nicht nur was die Volkszugehörigkeit, sondern auch was das Lebensgefühl, die Mentalität, die Kunstgesinnung betrifft.

Er war nicht der Revolutionär vom Schlage des großen Deutschen Rudolf von Laban, der – unter Berufung auf antike Vorbilder, auf den Schweizer Dalcroze und die Amerikanerin Isadora Duncan – das Ballett verteufelte und den Ausdruckstanz schuf. Balanchine hatte sich von den Vorbildern des sklavisch traditionsgebundenen Balletts vielmehr bald kontinuierlich, bald sprunghaft gelöst und verselbständigt, vor allem vom Franzosen Marius Petipa entfernt, der Mitte des vorigen Jahrhunderts in das zaristische St. Petersburg gekommen war. Balanchines Kunst stand nicht in erster Linie im Dienste von Literatur, Anekdote, Handlung, ästhetischer Dekoration. Die kühle, aussagefremde Abstraktion war sein offenes oder geheimes Bekenntnis: Tanz an sich.

Man sagt zwar, Balanchine, der ursprünglich Georgij Balantschiwadse hieß, sei zufällig zum Ballett gekommen, als er seine Schwester Degleitete, die in der Ballettschule ausgebildet werden sollte. Aber bei genialen Naturen wie Balanchine erkennt man hinter den fadenscheinigen Zufällen elementare Notwendigkeiten. Balanchine jedenfalls wurde in die Ballettschule aufgenommen; er beendete seine Ausbildung, siebzehn Jahre alt, mit Auszeichnung. Mit Freunden bildete er eine Tanztruppe. Er choreographierte unter anderem den "Hinkemann" von Ernst Toller: was schon eine Avantgarde, eine Provokation, einen partiellen Bruch mit der Vergangenheit bedeutete.

Sergej Djagileff holte Balanchine zu seinen "Ballets Russes", die Weltruhm erlangten, mit und durch Strawinsky, Michail Fokin, Anna Pawlowa, Waslaw Nijinskij. 1925 wurde Balanchine Chefchoreograph, seine berühmteste Choreographie war "Apollon Musagete". Nach einem ruhelosen Vagabundieren wurde Balanchine einigermaßen seßhaft, in New York, wo 1948 das "New York City Ballet" gegründet wurde. Balanchine war sein künstlerischer Leiter bis kurz vor seinem Tode. Er wurde weltberühmt.

Zu seinen bevorzugten Komponisten gehörten Tschaikowskij, Prokofjeff, Schönberg, Adam und andere. Vor allem: Strawinsky. Die Zusammenarbeit von Balanchine und Strawinsky war kongeniale Partnerschaft.

Aus der russischen Tanzgeschichte ist Balanchine, der am 22. Januar 1904 in Petersburg geboren wurde und am 30. April 1983 in New York gestorben ist, nicht zu eliminieren. In Georgien wurde Balanchine als georgischer Nationalheld gefeiert. Er selber nannte sich gern einen Amerikaner. Er, der geborene Synthetiker, verwirklichte auf geniale Weise das, was in unserer Epoche immer noch ein blendendes Ziel geblieben ist: Kosmopolitentum. Er war, dem Himmel sei gedankt, selbstbewußt. Er hat einmal gesagt: "So wie der Papst Christus vertritt, bin ich Stellvertreter Terpsichores, der Göttin des Tanzes." Wie recht er hatte. René Drommert