Bitte treten Sie näher ... Mit dieser Aufforderung würde ich den Blick der Reisegruppe, wäre ich Fremdenführerin, auf die zweiundfünfzig weltberühmten Säulen lenken, die den Tempel der "rühmlich ausgezeichneten Teutschen" stützen.

"Meine Damen und Herren, wir befinden uns auf dem Breuberg bei Donaustauf, unweit Regensburgs" mit dieser Ortsbestimmung würde ich die Wanderung durch die Weihestätte einleiten. Im Sommer erreicht man den hellen Tempel per Auto, Bus oder Donauschiff. Im Winter erreicht man ihn manchmal gar nicht. Wenn doch, dann unter erschwerten Bedingungen. Die 358 Marmorstufen des mehrfach gestaffelten Tempelunterbaus könnten vereist sein. Ebenso die Zufahrtswege. Für diesen Fall gilt es, einen Taxifahrer zu finden, der die Geisterfahrt wagt. Er wird den schmalen, von Donaunebeln überwallten Pfad hinaufsteuern. Das letzte Wegstück müssen Sie allein bewältigen. Etwas einsam, dies Unternehmen. Doch wer nach Walhall unterwegs ist, kann ernstlich nicht wünschen, von einer bayerischen Trachtenkapelle begleitet zu werden. Wohlgemerkt, es gilt für den Winter. Mit Frühlingsbeginn leuchtet die griechische Kontur der germanischen Halle weit in die Bläue Bayerns.

Zum Namen des Bauwerkes ist zu sagen, daß es wahrhaftig und unwiderruflich "Walhalla" heißt. Bereits 1807 hatte der schweizerische Historiker Johannes von Müller, in seiner Eigenschaft als Berater, diesen Namen für den noch nicht existierenden Bau vorgeschlagen. Über das Seelenleben des Schweizers ist nichts Verqueres bekannt geworden. Ich stelle ihn mir unbeschwerten Gemütes vor, beherzt wie die einstigen Germanen. Für sie befand sich Göttervater Odins Prachtschloß "Gladsheim" hoch über allen Nebeln und Wolken. Das Schloß hatte eine Halle: Die Walhalla. Der Name stand für die Sache: "Halle der Erschlagenen". "Halle der Erwählten" war sie insofern, als die Walküren, Wesen von ungeklärter Herkunft, darüber entschieden, welche Männer, wann und wie während der Schlachtenmassaker verblichen. Gerieten die herben Jungfrauen mit dem Transport der Hingerafften in Verzug, banden sie schon mal die Leiche an den Schweif ihres Rosses und rasten der Walhalla zu. Dort beköstigten sie die Heldengeisterschar mit dem Speck des nie gänzlich zu vertilgenden Ebers Sährimnir und labten sie mit Bier und Honigwein aus den Eutern der Wunderziege Heidrun. Wonne übermannte die zum ewigen Wohlbefinden Auserwählten. Zu ihrer immerwährenden Freude aber war sichergestellt, daß sie im Morgengrauen ein Schlachtfeld vorfanden, wo sie ihrem Freizeithobby frönen durften.

Bitte treten Sie näher...

Sie meinen, die Eingangspforte, die wir eben passierten, könnte direkt zum Höllenschlund führen? Darüber liegen keine Erkenntnisse vor. Was die Innenseite der Pforte feurig lohen läßt, sind Einlagen von hochrotem Amarantholz. Die Flügel haben eine Höhe von 6,70 Meter. Jeder wiegt 42 Zentner. Holen Sie tief Luft. Blicken Sie tapfer in die Halle. Sie ist und bleibt 48,5 Meter lang, 14 Meter breit, 15,5 Meter hoch. Erschrecken Sie nicht über die weißer und weißer wirkenden Büsten. Es sind 121. Gewiß. Nebeneinander und übereinander postiert. Sogenannte Walhalla-Genossen. Die Büsten scheinen auf Sie zuzunicken?

Das ist eine optische Täuschung. Andererseits, man weiß ja nie ...

Schauen Sie zunächst zur dachschrägen Decke. Sie besteht aus vergoldeten Erzplatten. In den himmelblauen Kassettenfeldern glitzern Platinsterne. Karyatiden äugen uns urweltlich an. Wir haben Eintritt bezahlt. Es sollte uns veranlassen, Walhalla nicht so überstürzt zu fliehen, als säße uns der Leibhaftige im Nacken. Konzentrieren Sie sich auf die Marmor-Orgie. Auf Wunsch des Architekten Leo Klenze wurden sieben Arten verarbeitet. Von braunrot bis gespensterweiß. Zwölf Marmorsessel und acht Marmorleuchter mit Feuerschale erzeugen die spürbar überirdische Stimmung. Man glaubt, Schwanenflügel rauschen zu hören. Das sind die Walküren. Sechs, im Raum verteilt. Christian Rauch schuf sie mit dem Antlitz wohlwollender Engel. Von Richard Wagner hingegen wissen wir, daß sie unvermittelt "Hojotoho" schreien und anschließend gräßlich lachen. Derart Schauriges wird hier nicht zu vernehmen sein. Andererseits, man weiß ja nie ...